Im Grunde ist es egal, ob du die Geschichte erlebt oder erfunden hast", heißt es recht bald, nachdem wir mit den Augen des Helden Albin Kranz Zeuge eines Mordes geworden sind. Sehr früh, noch bevor sich unser Glaube an sie stabilisiert, gewinnen wir Zweifel an der erzählten Geschichte. Wird das Misstrauen zu früh gesät? Werden wir zu früh ernüchtert? Kuriose Frage, da Albin Kranz säuft und säuft und säuft. Ein Alkoholiker im finalen Stadium. Rasch sind wir auch darüber aufgeklärt. Auch dies zu früh?

Nun, Christoph Peters’ zweiter Roman Das Tuch aus Nacht beginnt mit einem Mord. Zum Frühstück. Zufällig beobachtet. Heftiger und direkter als in Hitchcocks Thriller Das Fenster zum Hof verdichten sich die Indizien eines ungeheuerlichen Geschehens. Albin Kranz ist nicht zu trauen. Ist er selbst ein Mörder? Ist er ein Selbstmörder? Hier ist einiges zu enträtseln.

Dabei ist der Roman mit großer Klarheit konstruiert. Eine Geschichte, oder sagen wir besser die Ereignisse einer fest umrissenen Zeitspanne, werden uns abwechselnd von zwei Erzählern mitgeteilt. Olaf, Mitglied einer kleinen Reisegruppe von deutschen Kunststudenten in Istanbul, berichtet ex post, aber chronologisch über die Beziehungen und Verwerfungen in der Gruppe, über Albin und seine Lebensgefährtin Livia, über deren Trennung und Livias neue Liebschaft mit dem Kunststudenten Jan. Manches hat er selbst beobachtet, das meiste wurde ihm erzählt, zugetragen, gesteckt, unter anderem von Albin selbst, der gelegentlich mit Olaf säuft.

Der andere Erzähler ist Albin. Er steht an der Reling eines Ausflugsschiffes, die anderen sind nach einem Ausflug zu einer folkloristisch zugerichteten Touristeninsel am Bosporus im Innenraum verschwunden. Ihm gehen die letzten Tage durch den Kopf, die Zeit nach dem beobachteten Mord, aber auch die Zeit seines gesamten Lebens, die sich immer stärker in die Gegenwart einflicht und in der er schließlich versinken wird wie in den Wellen des Meeres.

Albin und Livia gehörten nicht zu der Reisegruppe. Sie sind auf eigene Faust in die Türkei gereist. In der vagen Hoffnung, ihre Beziehung sei noch zu retten. Doch bald schon driftet Albin ab in den Untergrund: den der internationalen Verbrecherszene in Istanbul oder den paranoiden seiner eigenen Person. Und Livia stürzt sich in die Liebe zu jenem Kunststudenten Jan, der ihre Krise und ihre Schutzlosigkeit schon wittert, bevor er auch nur drei Sätze mit ihr an der Hotelbar gewechselt hat.

Nehmen wir noch den ebenfalls versoffenen Kunstprofessor Nager dazu, Leiter der Studentengruppe und durchaus desinteressiert an deren biederen Kunstbemühungen: Dieser sarkastische Nager entwickelt auf Flachmann- und Tresenebene ein freundschaftliches Verhältnis zu Albin, womit die beiden Gruppen gut verwickelt zu einer geworden wären.

Das ist die Situation. Alles Weitere ist kaum mehr ohne Anführungszeichen zu referieren. Denn an der Frage nach Wirklichkeit und Repräsentation ist der ganze Roman mit einem intelligenten Ingrimm interessiert, der seinesgleichen sucht.

Albin existiert an der Grenze zum Delirium, dessen durchscheinende Wahrheit der Tod ist, der ihn holen wird oder den er sich schließlich holt. Schon immer liebte er es, seine Zuhörer mit Erfindungen zu narren. Jetzt könnte er mit den anderen auch sich selbst zutiefst genarrt haben. Er folgt besessen den Spuren der Verschwörung, die zum angeblichen Hotelzimmermord an einem angeblichen amerikanischen Edelsteinhändler geführt haben, und wird als dessen Zeuge bald vom (eingebildeten) Verfolger zum (eingebildeten) Verfolgten.