Dies ist die Geschichte Moskaus. Und die Geschichte eines Moskauer Jungen, der, als sein Land den Krieg gewonnen hatte, fünf Jahre alt war. Er lebte mit seinen Eltern und Geschwistern und Großeltern in einem Zimmer nicht weit vom Roten Platz. Ein Zimmer, sieben Leute, so ging damals die Rechnung. Die Wohnung hatte fünf Zimmer und deshalb fünfundreißig Bewohner, die jeden Morgen vor der Toilette anstanden.

Dem Menschen gefällt alles, solange er nichts anderes kennt, sagt Prigow, der heute weit vor Moskaus Toren drei Zimmer bewohnt. Es gibt Leute, die sich im Konzentrationslager wohlgefühlt haben. Dmitrij Prigow ein junger alter Mann von dreiundsechzig Jahren, der schnell lebt, schnell spricht, schnell wieder geht und zwischen Rom, Berlin und Moskau schwierig zu erreichen ist, zeigt sich, als wir uns doch noch zu nächtlicher Stunde in einem Lokal an der Kreml-Mauer verabredet haben, besessen von einem Thema, von seinem, von dem russischsten aller Themen: der ewigen Wiederkehr des Neuen.

Die Eile ist verständlich. Weiß er doch etwas, was wir noch nicht wissen. Er befindet sich inmitten einer Zeitenwende. Einer Zeitenwende, wie es lange keine gab. Drei große Zeitalter, glaubt er, gingen gerade zu Ende. Das sowjetische Zeitalter, das Zeitalter der großen russischen Kultur und das Zeitalter der Aufklärung. Geh zurück auf null, mit allem, was dir einmal heilig war in jenen fernen Zeiten, da du morgens vorm Lokus Schlange standest.

Russland am Ende, am Anfang, mitten im Untergang. In diesem unermesslichen Land gibt es nichts in kleinen Portionen. Ein Imperium ist verschwunden, und diese gewaltige historische und mentale Baulücke kann man nicht in geistiger Flachbauweise füllen. So kommt es, dass Prigow der Themenkreis westeuropäischer Gegenwartsliteratur – Kindheitserinnerungen, Liebeshändel, Reiseabenteuer, Familiengeschichten – ein wenig abseitig erscheint. Futter für die Freizeitgesellschaft, während die Große Geschichte, die zeitumwälzenden Ereignisse sich woanders abspielen. Wo? In Moskau natürlich.

Lebt in Moskau! heißt sein jüngstes Buch. Es ist scheinbar eine Autobiografie, in Wahrheit aber eine grandiose Chronik des Moskowiter Katastrophismus. Chaos, Untergangseuphorie und sowjetische Mystik spielen die tragenden Rollen. In einem gewaltigen Vernichtungswirbel wird die Stadt beinahe zerstört. Aus der Asche erhebt sich: eine neue Geschichtsmetaphysik.

Eine Welt einreißen und eine Welt erbauen, eine Welt aus Papier und Druckerschwärze und eine aus Stein und Blut – in Russland bringt man das leicht durcheinander. Ohne einen Weltentwurf, wahlweise auch einen Weltuntergang in Flammen, wahlweise auch in Wodka, läuft in der russischen Literatur der mittleren Generation so ziemlich nichts.

Manchmal hat man das Gefühl, sie alle, von Ilja Kabakov über Vladimir Sorokin, Lew Rubinstein, Jurij Mamlejew bis Viktor Pelewin, schrieben an einem einzigen Buch. Prigow ist Teil dieses großen Zerstörungsgesamtkunstwerks. Er war einmal Installationskünstler, Konzeptkünstler, visueller Poet, Held des literarischen Untergrunds, Dissident und Häftling der sowjetischen Psychiatrie – als es das alles noch gab. Seine Übermalungen der Prawda sind legendär, seine Gedichtzyklen Der Milizionär, Moskau und die Moskauer, Die Braut Hitlers sind lyrische Rollenspiele, in denen die Welt probeweise aus den Augen ihrer Allmächtigen betrachtet wird. In seinen Installationen fällt viel Schnee, in seinen Büchern fließt viel Blut. "Alles nur Rhetorik", sagt Prigow, Gegenpropaganda zur Propaganda, ästhetische Planspiele auf dem Schachbrett Geschichte. Redeweisen, Mythen, die uns umgeben, aus denen wir uns sogar restlos zusammensetzen. Die Diagnose: Wir leben in großen Begriffen, aber aus zweiter Hand. Diesen Schutt muss man abtragen. Oder: In diesem Schutt muss man schreiben.

Macht er. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe seiner Moskauer Autobiografie heißt es: "Wie schon bei rascher und bloß flüchtiger Lektüre des Buches leicht festzustellen ist, löst sich in dieser Lebensbeschreibung jede authentische oder quasiauthentische Tatsache sowie jede Beobachtung sogleich auf, und sie entgleiten in den unendlichen Bereich unkontrollierbarer Fantasie; bei diesem Verfahren handelt es sich vermutlich um eine der grundlegendsten und charakteristischsten Eigenschaften der ewig sehnsüchtigen russischen Seele."