Ein Dichter in Russland ist mehr als ein Dichter? Ach, Jewtuschenko, du alter Sprücheklopfer", schimpfe ich, während ich durch Moskaus Innenstadt hetze und dreimal beinahe überfahren werde. Selbst den hartgesottenen Westeuropäer schwindelt es beim Anblick all dieser Arkaden und Einkaufspassagen. Ein deutscher Lyriker brauchte schon zwei Büchner-Preise, um sich ein Wochenende in Moskau leisten zu können. Wie soll sein armer russischer Kollege in diesem Metropolis denn "mehr" sein als ein Dichter?

Aber direkt im Zentrum, in der Nähe des Roten Platzes, finden sich gleich drei der letzten Bollwerke der Poesie: die Clubs OGI (Vereinigte Humanitäre Verlage). Sie bestehen aus gewaltigen Kellergewölben mit zahllosen Tischen. Überall Musik und vergnügte junge Leute. Die literarische Buchhandlung im Eingangsbereich: genau wie das Café täglich 24 Stunden lang geöffnet! Lyrik, Belletristik, Philosophie, Geschichte, Psychologie, Religion, alles, was derzeit zu haben ist. Zuvorderst die renommierte, eigens von OGI herausgegebene Lyrikreihe: Maria Stepanowa, Iwan Achmetjew, Nikolaj Swjaginzew, Alexej Denissow, Leonid Winogradow, Michail Gronas. Daneben Lyrikpublikationen anderer Verlage: Jewgenij Rejn, Wladimir Strotschkow, Arkadij Stypel, Irina Jermakowa, Vera Pawlowa, Inga Kusnezowa, Michail Eisenberg et cetera et cetera.

Auf die Ecken und Kanten des Gedichtes kommt es an

Ich verziehe mich mit einem Stapel frisch gekaufter Bände in den Nebenraum. Der Cognac ist bestellt. Ich warte und lasse einige Mädchen meine Anschaffungen begutachten. "Gedichte? Prosa ist doch viel spannender", wundern sie sich. Aber das Schlimmste ist: Kein Name sagt ihnen etwas. Und das hier, mitten in der Hochburg! Ich lande wieder auf dem Boden der Tatsachen.

Auch an anderen Orten dasselbe Achselzucken. Erstaunlich, denn selten war das Moskauer literarische Leben sprudelnder als heute. Kennt Russland seine Dichter nicht mehr? Jene nahezu mythischen Wesen, denen noch vor kurzem die Rolle eines Orakels von Delphi zukam? "Das Schlimmste, was unserer Lyrik passieren kann, ist die Marginalisierung", sagt Alexej Aljochin, der Verleger der wichtigsten russischen Poesie-Zeitschrift Arion. "Gedichte dürfen nicht wie im Westen zum Privatvergnügen der Philologen werden." Aber so weit werde es nicht kommen. Natürlich läsen weniger Menschen als früher Verse. Doch die damalige Bedeutung des Dichters sei ein Ausnahmezustand gewesen. Poeten hätten Funktionen ausüben müssen, für die die Medien zuständig seien. Heute aber nehme der professionelle Lyriker seinen eigentlichen Platz in der Gesellschaft ein: als eine schöpferische intellektuelle Instanz. Nicht marginal, aber auch nicht massenfähig. Woher er seine Hoffnung schöpfe, den Leser nicht zu verlieren? "Nach der Perestrojka wurde nur experimentiert, das hat uns um die Leserschaft gebracht. Jetzt aber fangen Gedichte wieder zu sprechen an und wollen verstanden werden", sagt Aljochin. Beispiele? Maxim Amelin und Gleb Schulpjakow.

Ich begegne ihnen im OGI. Sie sind Anfang dreißig, verfügen über eine exzellente literarische Bildung und betätigen sich nebenbei auch als feinfühlige Übersetzer. Schulpjakow übertrug Auden, Amelin – Catull. Amelin ist ein Spezialist für vorpuschkinsche Dichtung, greift mit leisem Augenzwinkern auf hoch artifizielle Formen und pompöse Archaismen zurück. Der Titel seines Gedichtbands passt zu ihm: Dubia. In Sachen Verstechnik können ihm nur wenige das Wasser reichen. Schulpjakows Dichtung hingegen ist eine Weiterentwicklung der Poetik von Joseph Brodsky und Jewgenij Rejn. Sagt er. Aber eigentlich hat er den Altmeistern nur die Methode abgeguckt. Sein Band Kopfnuss wird von einer subtilen Geometrie bestimmt, in deren Licht noch das größte Großstadtchaos geordnet erscheint. "Die Strenge ist eine Reaktion auf den russischen Alltag", erklärt er. "In unserer paradoxen Zeit, in der Elend und Reichtum, Schönheit und Hässlichkeit aufeinander prallen, wirkt der freie Vers ziemlich deplatziert."

Das lässt Dmitrij Kusmin nicht gelten. Für ihn, den Verleger des Almanachs Babylon , zählt nach wie vor die Literatur des "Underground". Es sei noch nicht an der Zeit, an Kanonbildung zu denken, sagt er mit Blick auf Alexej Aljochin und dessen Arion. Nicht auf "handwerklich gut gemachte" und "glatte" Gedichte komme es an, sondern auf die "Ecken und Kanten, die aus dem Text herausschauen und einer Deutung noch bedürfen". Die von Aljochin geförderten Dichter betrachtet er mit Argwohn: "Natürlich sind Amelin und Schulpjakow glänzende Stilisten. Doch die Tatsache, dass sie von den Älteren verstanden werden, ist bereits eine Sackgasse."

Ob das auf die beiden zutrifft, bezweifle ich stark. Aber in einem Punkt hat er Recht: Zunehmend wurden junge Talente in den letzten Jahren von den Älteren totgelobt. So hat Konstantin Kedrow vor einiger Zeit Alina Wituchnowskaja "entdeckt" und zu einem "Genie" erklärt. Als poetische Lolita einmal etabliert, setzte die junge Dichterin jedoch bald überwiegend auf außerliterarische Mittel (insbesondere auf ihre Verhaftungen wegen Drogenhandels) und erlangte dadurch eine gewisse Berühmtheit – auf Kosten der Sprache. Seitdem spielt sie innerhalb der zeitgenössischen russischen Lyrik höchstens noch die Rolle eines etwas pubertär anmutenden Bürgerschrecks (zur deutschen Rezeption siehe Seite 17). Ähnlich erging es Dmitrij Wodennikow, der Mitte der Neunziger mit der Broschüre Die Klette auftrat (die elf Gedichte enthielt!) und als neuer Messias gefeiert wurde. Enttäuschend sind seine späteren Heftchen, verfasst im gelangweilten Ton eines verhätschelten Jünglings.