Er bastelte Sprengsätze und schmuggelte Waffen für die Revolutionäre. Er arbeitete für das Streikkomitee der Matrosen und verteidigte die jüdischen Viertel mit einem bewaffneten Studententrupp gegen das Pogrom: Boris Stepanowitsch Schitkow ist einer, der mitgeht, auch wenn das Mithängen droht. Und doch hat er ein Meisterwerk übers feige Mitlaufen verfasst. Der Chemiestudent focht 1905 in seiner Heimatstadt Odessa für die Freiheit. Und doch wird seine eigentliche Großtat darin bestehen, drei Jahrzehnte später rund 700 Seiten über den inneren Schweinehund, über die Schwächen und Schlappheiten in Zeiten der zaristischen Unterdrückung geschrieben zu haben; und über den Schlamassel, der da Liebe genannt wird. Schitkows Roman Wiktor Wawitsch, den Boris Pasternak als "das beste Buch über die russische Revolution" apostrophiert hat, geriet allerdings wie seine (Anti-)Helden in die Mühlen des Systems. Eines anderen Systems zwar, aber mit verwandten Folgen: Das Buch über waghalsige Flugblattaktionen, konspirative Treffen und komplizierte Kommunikationswege kam erst 1999 in den Handel. Die (posthume) Erstausgabe von 1941 war nie ausgeliefert worden und kursierte nur in einem Dutzend Exemplaren, die man heimlich aus der Druckerei hatte schaffen können. Jetzt ist Wiktor Wawitsch in einer erstklassigen Übersetzung von Rosemarie Tietze auf Deutsch zu bekommen.

"Der Sonnentag wälzte sich durch die Stadt. Gegen Mittag hatten die leeren Straßen schlappgemacht." So gähnt es sich durch einen Sommer in der russischen Provinz. Aber Wiktor, ein "Freiwilliger der zweiten Kategorie", träumt von Höherem, beispielsweise von einem Sieg beim Wettschießen der Militärs. Dafür hat er seine Stiefel gewienert und sein pflaumenweiches Schnurrbärtchen, dafür übt er das Auf- und Abmarschieren vor einer Hand voll verschreckter Enten. Dass alles schließlich doch ganz anders kommt, liegt an den weichen Armen von Grunja, der Tochter des Gefängnisaufsehers, und an den harten Worten ihres Vaters. Dem Schwiegersohn in spe wird in der – literaturgeschichtlich beziehungsvollen – Stadt N (Die toten Seelen) eine Stelle als "Quartieraufseher" auf dem Tablett serviert, und er überfrisst sich an säbelrasselnden Größenfantasien. Und verbrennt sich am heißen Herbst des Jahres 1905 nicht bloß den Mund: Seine eigene Frau wird ihn verlassen, die eines anderen ihn erschießen.

Über 150 Spotlights wirft Boris Schitkow auf das Leben zweier Familien, die sich irgendwie durchschlagen in den fiebrigen Wochen vor dem Aufstand und in den blutigen danach – nach dem Generalstreik, nach den Anschlägen und dem Manifest des Zaren vom 17. Oktober, in dem er eine konstitutionelle Mo-narchie entwarf. In Mit dem Einspänner etwa sehen wir Sanka, einen Studenten und Bankdirektorssohn, wie er einem Besoffenen zu Hilfe eilt, den ein Schutzmann mit der Säbelscheide verdrischt. In Tu ich nicht! gelobt ein Proletarier, der von Sankas Schwester Nadja, "Genossin Walja", in russischer Grammatik unterrichtet wird, orthografische Besserung, bevor er sie das Lieben lehrt.

Die vielen kleinen Szenen erzählen von den großen Dramen der russischen Gesellschaft jener Jahre, von der Armut, vom Gefälle zwischen Hausknecht und Hausdame, zwischen Mann und Frau, Arbeiter und Firmenchef; von der Orientierungslosigkeit derer, die ausgebeutet wurden, und derer, die ausbeuteten; vom blinden Herumtapsen der Intelligenzija zwischen Anarchie, Sozialismus und Liberalismus.

Der Kinderbuchautor Schitkow hat mit Wiktor Wawitsch einen Roman aus historischen Comics gebaut, bunt, bewegt, bildkräftig: "Batz batz" krachen die – neuen – Brownings der Schutzleute durch die Straßen, ständig sirrt der Samowar, den Annuschka, "die dumme Gans", anheizen muss, und, "zum Teufel und seiner Großmutter", da fährt die Pferdebahn wieder ruckelnd los. Ganz im Nebenbei geben die (oft starken) Frauen des Buchs den männlichen Helden allerhand zu sabbern: "Also wirklich, diese Schenja! Er hatte sie auf dem Sofa geschnappt, und sie – wie ein Fischchen, zack! zack! Unsere können das nicht, unsere sind Kühe", stellt Wiktor fest. "Unsere" sind keine Jüdinnen, die mit langen Hakennägeln ans Tor genagelt werden dürfen, während der Quartieraufseher zuschaut – oder mithilft. Nüchtern und unaufgeregt zeichnet der 1882 geborene, 1938 verstorbene Schriftsteller die Doppelmoral, die Unmoral seiner Zeit und seiner Zeitgenossen – und hat so über das fesselnde historische Panorama hinaus sein zeitloses Opus magnum geschaffen. Boris Schitkows 700 Seiten "Short Cuts" haben einen langen Atem: Sie leben noch heute.