Tatjana Tolstaja stammt aus dem Geschlecht der Tolstojs und veröffentlichte ihr erstes Buch noch in den achtziger Jahren, einen Band mit Erzählungen, der sie schlagartig bekannt machte. Inzwischen ist sie eine Kulturgröße, bekannt durch zahllose öffentliche Wortmeldungen im In- und Ausland, vor allem durch eine eigene Fernsehsendung. Ihr Sarkasmus ist berüchtigt.

Pünktlich zum dritten Jahrtausend erschien ihr erster Roman, Kys, der prompt ein Bestseller wurde. Es ist ein post-apokalyptisches Buch, das 200 Jahre nach dem SuperGAU und in jener Art Steinzeit spielt, in die den Gegner zurückzubomben eine geflügelte Drohung geworden ist. Und es endet mit einer Katastrophe – getreu der alten Hollywood-Regel, dass eine mitreißende Dramaturgie mit dem Weltuntergang beginnen und sich dann kontinuierlich steigern solle.

Im neolithischen Dorf Fjodor-Kusmitschsk der Zukunft geht es zu wie im Russland des 20. Jahrhunderts: nur eben steinzeitlich, nur eben – wegen der Mutationen – ein wenig anders. In der Tat hat die Ansammlung von Holzhäusern, wie sich ein paar durch atomare Einwirkung dem Alterungsprozess entzogene "Vorige" noch immer erinnern, vor "dem großen Knall" einmal "Moskau" geheißen. Diese jung gebliebenen Uralten kennen noch bedeutungslos gewordene Wörter wie Müral (gemeint ist Moral) und Ohniwersitätsausbildunk, sie treffen sich in geheimen Zirkeln, fordern mehr Fotokopierer oder werfen einander Tolstojanismus vor, während sich die Nachgeborenen von mutierten Mäusen ernähren und das Wasser in Steingefäßen holen. Die Umdrehung des Fortschrittsgedankens lässt die einstigen Vertreter gesellschaftlichen Umdenkens wie Trottel dastehen.

Vorgenommen hat sich die Tolstaja auf diesen 355 Seiten nicht wenig: ein breites Epos im Ethno-Stil, eine gültige Parabel auf die russische Gesellschaft, zwei Apokalypsen, viel aktuelle Satire und einen kleinen, in vielen Zitaten durch das Buch gestreuten Querschnitt durch die Weltliteratur. Zudem steht über jedem Kapitel ein Buchstabe des kyrillischen Alphabets. Aber, so die kulturpessimistische Grundnote des Buches: unter amoralischen Einfaltspinseln und Bauern hilft weder Alphabetismus noch Schönheit.

Der Diktator ist bloß ein Dreikäsehoch

Alle ausschnittsweise zitierten Werke von Goethe und Puschkin bis zum Kinderabzählreim werden in der künftigen Steinzeit der Feder des Herrschers Fjodor Kusmitsch ("gepriesen sei er") zugeschrieben. Dieser große Diktator wiederum ist, wie sich rasch herausstellt, etwa kniehoch gewachsen; was aber in einer Welt, in der den Leuten dritte Beine oder Hahnenkämme aus den Augenhöhlen wachsen, nicht besonders ungewöhnlich zu sein scheint, nur eben sehr parabelhaft.

Von derartigen Einfällen strotzt das Buch, und nimmt man sich Szene für Szene vor, hat man allen Grund, sich nicht nur belehrt, sondern auch gut unterhalten zu fühlen. Das hat viel mit Tolstajas sprachlichem Instrumentarium zu tun: Sie bedient sich eines hoch artifiziellen Idioms, das sowohl Märchensprache als auch Straßenslang in sich vereint. Die Übertragung ins Deutsche ist kein kleines Kunststück; dass einige sprachliche Merkmale nicht vollständig übertragbar sind, ist ein wohl unlösbares Problem. Diese Sprache, die von Menschen gesprochen wird, denen viele unserer selbstverständlichen kulturellen Grundbegriffe fehlen, spielt mit der Usurpation von Wörtern, die für die Redenden keinen Sinn haben. Parabelhaft auch dies.

Solche Beobachtungen und Anspielungen halten den Leser weitaus mehr in Atem als das Schicksal der Hauptfigur, des jungen Benedikt, der von seiner Mutter nur den schwachen Abglanz der untergegangenen Kultur mitbekommen hat. Dumm wie Brot, dabei umgetrieben von einer metaphysischen Sehnsucht, verdient er seinen Lebensunterhalt mit dem Kopieren der "Werke von Fjodor Kusmitsch", sprich: Er kritzelt mit einem Holzstäbchen Gedichte von Herzen oder Blok, manchmal gar Kapitel aus der Bibel nach, ohne mehr davon zu verstehen als die Wörter selbst. Damit hat er nicht nur einen halbwegs angenehmen Job, er ist auch sonst privilegiert: als "Spätfolge" hat er nur einen Schwanz zu tragen, einen kleinen. Seine Frau dagegen ist mit Krallen gesegnet, wie auch der Schwiegervater, der, so kann einen die Suche nach dem Höheren in die Irre führen, ausgerechnet Chef der Geheimpolizei ist. Parabelhaft.