Das Gehör ist der Seele nächstes Sinnesorgan, ein Zusammenhang, der unter anderem der Musik den Bonus einträgt, die reinste, emotionalste der Künste zu sein. Shenja, eine Moskauerin, hört den Menschen zu, als wären deren Geschichten Musik: Sie öffnet ihre Seele weit und glaubt alles. Sie glaubt die Geschichte der pompösen rothaarigen Schönheit Ireen, die angeblich vier Kinder verlor, bis das Schicksal ihr ein fünftes schenkte und es am Leben ließ. Sie glaubt einem durchtriebenen Backfisch die Geschichte einer unzüchtigen Liaison mit einem Onkel. Und nicht, weil sie dumm oder naiv wäre, sondern einfach, weil sie so gern Geschichten hört und so gern an sie glaubt. Also glaubt sie fast daran, dass es sich bei dem gusseisernen Deckel einer Kanalisationsluke um den Landeplatz fliegender Untertassen handelt.

Unübersehbar entstammt Shenja der kulturellen Tradition eines Landes, in dem die Literatur, ihre Erfindungen und schönen Illusionen in der Alltagsluft liegen. Shenjas Seele ist poetisch und russisch, vielleicht beides ein wenig zu viel und folglich ein wenig zu nah am Klischee. Shenjas Seele ist überdies sehr weiblich; immer in Gefahr, sich im Altruismus zu verlieren und in der Einfühlung in anderer Leute Geschichten die eigene zu vergessen. Diese, eine auf der Hand liegende Entwicklungs- und Emanzipationsgeschichte, wird von Ljudmila Ulitzkaja als ebenso klassischer Seitenwechsel dargestellt. Ein schwerer Verkehrsunfall macht aus der sorgenden Shenja einen Pflegefall. Sie muss gewaschen, gefüttert, rundum versorgt werden, sie kann nicht stehen, nicht laufen und eines kann sie schon gar nicht: Zuhören.

Nicht das Burleske an der Handlung des neuen Buches von Ulitzkaja – der warmherzigen Sarkastin der russischen Gegenwartsliteratur und Meisterin des anarchischen Palavers, die 1996 mit der Erzählung Sonetschka hierzulande bekannt und mit ihren Romanen, unter anderen Medea und ihre Kinder, 1997, Ein fröhliches Begräbnis, 1998, berühmt wurde – nicht das Burleske ist problematisch, sondern die Fülle der Stereotypen. Die Lügen der Frauen bringen ein genrehaftes Allerweltswissen vom prä- und postkommunistischen Lebensalltag und Alltagsmenschen in Umlauf, das sich nur schwer der Vermutung entziehen kann, zum Plaisir westlicher Leserschaften aufgeboten zu werden.

Dabei ist Ulitzkaja von Haus aus eine Autorin voll des Übermuts. Auch das leichte Knirschen in der Konstruktion des Romans, der aus einzelnen, auch autonom lebensfähigen Kapiteln besteht, Stationen in Shenjas Leben, stört sie nicht. Nur schränkt sich der Übermut selber ein, wenn er auf dem Boulevard verdämmernder Ideologeme daherkommt. Literatur, die dort spaziert, macht einen gewissen Gewinn an Effekten, jenen der Wiedererkennung – verschlurfte Ehemännner, trinkfeste Russen, quasselnde Weiber, hypochondrische Freundinnen, überhitzte Doppelbelastungsfrauen, wer kennt sie nicht? Aber sie zahlt den Preis des Schematismus. Das heißt, Shenja, die Hauptfigur, zahlt ihn vor allem, als sie in der Mitte des Buches eine Auslandsreise unternimmt, eine Schocktherapie in Sachen Desillusionierung. Shenja wird von einem Filmfritzen aus dem Westen angeheuert, der eine Dokumentation über russische, im Westen anschaffende Prostituierte drehen will.

Shenja fährt, man könnte sagen: weltanschaulich punktgenau, nach Zürich, in die Hauptstadt des verbunkerten Kapitals, und durchforscht die Zürcher Halb- und Bordellwelt. Sie spricht mit russischen Dirnen, die alle die gleiche erbarmungswürdige Lügen- als ihre Lebensgeschichte auftischen, alle demnächst von einem Schweizer Bankmenschen geheiratet werden und Sekt trinken, für den die vergnügungsbereiten männlichen Barbesucher einen Berg Franken bezahlen. Und auch das weiß man: Die tollsten Frauen waren vor Hormonkur und OP Männer. Hartnäckig nennt der Text sie Transvestiten. Das sind sie nicht. Jedes Kind kennt heute den Unterschied zwischen Transsexuellen und Transvestiten. Aber im Bilderbuch der Dekadenz sehen sie sich in der Tat sehr ähnlich.