Der deutschsprachige Literaturbetrieb reproduziert immer nur das, was als Déjà-vu in seinen groben Rastern hängen bleibt. Außenseiter, egal wie gut und elegant sie schreiben, bleiben außen vor, sie werden entweder ignoriert oder exemplarisch abgestraft, weil zu viel Intelligenz verdächtig macht. Ein Beispiel dafür ist die Karriere oder vielmehr Nichtkarriere des 1985 aus Ost-Berlin ausgebürgerten Bernd Wagner, der mit Paradies (1997) den für mich gelungensten Wenderoman geschrieben hat, aus der Perspektive einer Behinderten, die, ohne das Geschehen zu begreifen, die Wiedervereinigung Deutschlands erlebt. Schon 1991 hatte Wagner mit seinem Essayband Die Wut im Koffer eine hellsichtige Bilanz der Wendezeit vorgelegt, lange bevor die Spatzen deutsch-deutsche Misstöne von den Dächern pfiffen.

Was ihn von den Schönrednern des realen Sozialismus unterschied, war die Tatsache, dass er der DDR aus freien Stücken den Laufpass gegeben hatte und die deutsche Einheit nicht als Bedrückung, sondern als Befreiung empfand. Hand in Hand damit ging eine erfrischende Neugier auf die Welt jenseits der Grenzpfähle, die Wagner reisend und schreibend zu erkunden versucht. Resultat dieser Bemühungen ist sein Buch Wie ich nach Chihuahua kam – Eine amerikanische Reise, das ebenso frei von ostdeutschem Selbstmitleid ist wie von westdeutscher Selbstgerechtigkeit gegenüber dem Weltpolizisten USA, der das alte Europa mit waffenstarrender Arroganz das Fürchten lehrt.

Wagner verfällt jedoch auch nicht ins andere Extrem, das neokonservative Amerika zum leuchtenden Vorbild zu verklären, das dem Rest der Welt den Weg in eine demokratische Zukunft weist. Seine DDR-Erfahrung hat ihn gegen alle Heilslehren immunisiert, die nicht glaubhafter werden, wenn man das Mekka der Utopie von Moskau nach Washington verlegt nach dem Motto: Von Amerika lernen heißt siegen lernen! Solche Fragen diskutiert der Autor nicht mit Schaum vor dem Mund, sondern überführt sie aus der Sprache der Leitartikel in die der Literatur, wo verbiesterter Ernst in befreiendes Lachen umschlägt. Als Beispiel dafür der folgende Dialog des Ich-Erzählers mit einem Golfspieler aus Kolumbien: "Immerhin haben die Römer städtische Zivilisation und ein bis dahin unbekanntes Bewußtsein von Recht verbreitet. Was aber bringen die Amerikaner als Ersatz für unsere Kultur? – Nun, ich denke, etwas Ähnliches wie die Römer. Das Recht des Individuums auf persönliche Freiheit. Ich habe zu lange in einer Diktatur gelebt, um das nicht schätzen zu können… Verzeihen Sie, Señor Gabriel, aber Sie haben gerade meinen Ball geschlagen."

Wie ich nach Chihuahua kam ist ein Road-Movie, das von einem Busbahnhof und einer Billigherberge zur nächsten führt. Trotz des springenden Windhunds, der den Buchumschlag schmückt, ist diese Fortbewegungsart eher beschaulich, denn anders als ein Jet-Tourist wird der Greyhound-Passagier nicht mit glitzernden Glasfassaden konfrontiert, sondern mit Back Alleys voller Ratten und Mülltonnen. Nicht die Schokoladenseite, die Kehrseite des American Way of Life steht im Mittelpunkt des Texts, der trotzdem nie in Elendsschilderung oder Mitleidsappell verfällt.

Wer allein und mit wenig Geld in der Tasche reist, ist auf das Wohlwollen seiner Mitmenschen angewiesen, und der Autor schildert die Nutten und Zuhälter, Fixer und Alkoholiker, Arbeits- und Obdachlosen, die seinen Weg kreuzen, mit Sympathie und Respekt: nicht als Opfer sozialer Ungerechtigkeit, sondern als Individuen, die mit mehr oder weniger Glück ihr Leben meistern. Höhepunkt der Reise ist der Aufenthalt im Pine-Ridge-Reservat von Dakota, wo Bernd Wagner den Rothäuten von seinem sächsischen Kollegen Karl May erzählt und zur Sun-Dance-Zeremonie eingeladen wird, die an die blutige Selbstgeißelung schiitischer Pilger erinnert. Und – zweiter Höhepunkt – die Fahrt durch den Norden Mexikos, wo der Autor, nicht nur wegen des billigen Biers, wunschlos glücklich wird: "Bernardo, sagte ich und zeigte auf meine Brust. – Paula, antwortete sie und zeigte auf ihre, die recht stramm die Bluse ausfüllte." Nach dieser Einführung ergibt sich alles Weitere von selbst, und der durch das erotische Zwischenspiel aufgemunterte Leser ist bereit, dem Autor auf den Spuren deutscher Auswanderer nach Texas zu folgen und von dort zum German Department einer Universität, die ihn zum Writer in Residence macht.

Außer ihrer sächsischen Herkunft haben Bernd Wagner und Wulf Kirsten nichts miteinander gemein. Beide wurden geprägt durch die DDR, gegen deren Zwänge sie frühzeitig opponierten, doch literarisch trennen sie Welten – ganz abgesehen vom Generationsunterschied. Aber auch der Weimarer Dichter und Verlagslektor Kirsten begreift die deutsche Einheit als Chance, weiße Flecken auf der Landkarte zu erkunden – in umgekehrter Richtung. Statt der Ferne wendet er sich der Nähe zu nach dem Motto, dass das, was unmittelbar vor Augen steht, am exotischsten ist, weil die Wirklichkeit jede Fantasie übertrifft. Zum Beispiel das vor den Toren Weimars gelegene KZ Buchenwald, dessen Realität hinter seiner ideologischen Vereinnahmung zur Unerkennbarkeit verblasst.

In seinem Buch Der Berg über der Stadt betätigt Wulf Kirsten sich (zusammen mit dem Fotografen Harald Wenzel-Orf) als Lokalhistoriker und Archäologe, der die von Nazis und Kommunisten gemeinsam verdrängte Vor- und Nachgeschichte Buchenwalds rekonstruiert: von Goethes Kutschfahrten auf den Ettersberg (nach dem das KZ nicht benannt wurde, weil der SS die Nähe zu Goethe peinlich war) über Bruno Apitz und Jorge Semprun bis zum sowjetischen Speziallager am gleichen Ort, wo zwischen 1945 und 1950 noch einmal Tausende starben – Hitlerjungen und "Werwölfe", Sozialdemokraten und Christen, die den neuen Machthabern ein Dorn im Auge waren. Ein beklemmendes und zugleich befreiendes Buch, das Wulf Kirstens Ruf bestätigt, ein kosmopolitischer Heimatforscher zu sein – frei vom Blut-und-Boden-Geruch, der diesem Genre noch immer anhaftet.