Es ist mir geradezu physisch unmöglich, ein Etwas zu rezensieren, in dessen wüstem Zentrum man auf folgende Konfession stößt (das Werk wird ihr, wie mir scheint, weitgehend gerecht): "Es ist schon fast physisch klar, daß sich die Kunst überlebt hat. Einen verfaulten Zahn muß man ausreißen. So wird Zahnheilkunde zum Faschismus. Und Faschismus zu Stil. In der Kunst gibt es keinen Stil mehr. Bescheuerte Kinder lesen Cool Girl, Bankiers gucken Pornos, Kumpel vom Bergbau besorgen es ihren Frauen mit Bohrmaschinen. Aber sie alle sind Kreaturen vorzuziehen, die einen auf Kunst machen. Auch egal, jeder treibt halt irgendeinen Scheiß."

Vor allem die "Essayistik" der Wituchnowskaja erinnert mich leider zu sehr an die zweitrangigeren Welt- und Kunstbeschimpfungsfragmente in den Underground-Zeitschriften der Prenzlauer-Berg-Szene der frühen Achtziger. Aber auch sonst bewegt man sich bei der Lektüre auf reichlich bedenklichem Boden: "Die Gedichte, Prosatexte und Essays wurden mit Einwilligung der Autorin gekürzt und redigiert." Außerdem mögen sie noch ziemlich holprig übersetzt sein. Jedenfalls muss es einem nach Kenntnisnahme dieses Bandes als Frechheit erscheinen, wenn einem der Klappentext einreden will, dass Alina Wituchnowskaja "unverkennbar als letztes Glied in der Kette der russischen poètes maudits Majakowskij, Achmatowa, Mamlejew" steht. Die ersten vier Zeilen des Schlussgedichts als Beispiel der Kunst oder Nichtkunst der Autorin: "Der, der die Kausalitäten schafft, / warf sie der Straße vor die Füße. / Ein Hinweis auf den neuen Plan. Die Haft des Gestern ist komplett gerissen." Und so weiter.

Ich weiß natürlich, dass die Frau ein paar schlimme Dinge erlebt hat (Alina Wituchnowskaja, geboren 1973, kokettiert mit neofaschistischen Moden und war zwischen 1994 und 1998 in Moskau mehrfach wegen angeblichen Drogenhandels inhaftiert. Anm. d. Red.); andererseits, um mit der Autorin zu sprechen: "Ich nehme gerne anderthalb Jahre Gefängnis auf mich für die Möglichkeit, der Gesellschaft über die Medien meine Ideen aufzuzwingen" (Schreibheft Nr.55). Was für Ideen, fragt man sich? Alina Wituchnowskaja: "Die Literatur ist nichts als … eine blöde Marotte kränklicher Intellektueller."

Oh, ja, ich versteh die Dame schon; es ist ja auch alles nicht ganz neu. ("Alles Geschriebene ist Schweinerei…", hat der große Artaud gejault.) Rezensieren mag ich derartiges nicht; ich hätte das Gefühl, an irgendeiner undefinierbaren Gaunerei teilzuhaben.

π Alina Wituchnowskaja: Schwarze Ikone Aus dem Russischen von Barbara Lehmann und Alexej Khairetdinov; DuMont, Köln; 117 S., 14,90 Euro