Von Karl Schlögel

Es ist erst sieben Jahre her, dass der britische Russland-Historiker Orlando Figes vor unseren Augen das Panorama der russischen Revolution entrollt hat: in tausenderlei Facetten und Details, in epischer Breite, einmal nicht als politische Veranstaltung, sondern als soziales Naturereignis, als fast tektonische Verwerfung. Nun liegt die deutsche Übersetzung seiner Kulturgeschichte Russlands unter dem Titel Nataschas Tanz vor. In seiner Geschichte der russischen Revolution hatte Figes die Darstellung auf die Epoche von 1891 bis 1924 zentriert und somit einen Rahmen geschaffen, in dem die auseinander laufenden Handlungslinien und Fäden immer wieder auf hoch dramatische und paradoxe Weise zusammenkamen. Leser wie Rezensenten waren beeindruckt von der Meisterschaft des britischen Geschichtserzählers. In Nataschas Tanz ist der Gegenstand weit umfangreicher und auch weniger genau bestimmbar. Eine russische Kulturgeschichte: eine Geschichte der russischen Kultur? Von ihren Anfängen in der Kiewer Russ bis heute oder nur die Petersburger Epoche? Der Kunstentwicklung, der Alltagskultur ebenso wie der Hochkultur, der lebensweltlichen Praktiken, Routinen, kulturellen Rituale ebenso wie der subtilsten geistigen Strömungen?

Auf der Suche nach der russischen Seele

Der erste Satz in Die Tragödie eines Volkes lautet: "An einem feucht-windigen Morgen im Februar des Jahres 1913 feierte St. Petersburg dreihundert Jahre Romanow-Herrschaft über Rußland." Der erste Satz in seinem neuen Buch lautet: "An einem nebligen Frühlingsmorgen des Jahres 1703 zog ein Dutzend russischer Reiter über das raue und unwirtliche Marschland, wo die Newa in die Ostsee mündet." Diese Einsätze sind nicht besonders einfallsreich, aber sie zeigen, dass der Autor einen Punkt braucht, von dem aus er "einsteigen", die Geschichte aufrollen und erzählbar machen kann. In Nataschas Tanz, der dem Band den Titel gegeben hat, so scheint es, ist der rote Faden, der alles zusammenhalten soll, die natürliche Anmut, mit der sich – in Tolstojs Augen – die russische Aristokratin, die einer ganz anderen Kultur angehört, den Klängen der Musik ihres Volkes folgend, zu bewegen weiß, die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich zwischen den Kulturen bewegt und aus dieser Differenz etwas Drittes schafft: die russische Kultur, als die sie Europa, der Westen im 19. und 20. Jahrhundert dann kennen- und schätzen gelernt hat. Eine Kulturgeschichte als Rekonstruktion einer synthetischen Anstrengung zur Schaffung einer "Nationalkultur".

Alles ist in der über 700 Seiten starken Arbeit exakt durchkomponiert. Figes hat keine Darstellung der russischen Kultur im Auge, sondern den Versuch einer Interpretation. Die Darstellung ist thematisch zentriert und folgt der Chronologie. In acht großen Abschnitten sucht Figes zentrale Themen und Wegscheiden der russischen Geschichte zu fassen. Er setzt ein mit Peters des Großen Werk, dem "europäischen Russland", also der Geschichte einer Öffnung Russlands, einer Entzweiung, ja Verfeindung der Kulturen. In den "Kindern von 1812" behandelt er die tiefgreifenden kulturellen Folgen des Zusammenstoßes Russlands im Vaterländischen Krieg gegen Napoleon, die Geburt der nationalen Idee auf russischem Boden und die Rückwendung auf Russland, die im Aufstiegs Moskaus als der Kapitale des "echt Russischen" sich niederschlägt. Die Kapitel Bauernhochzeit und Auf der Suche nach der russischen Seele entfalten die Geschichte der Suchbewegungen der aktiven Intelligenz, um über die Entfremdung hinwegzukommen und sich mit dem Volk zu verschmelzen. Die imperial-eurasiatische Dimension der russländischen Kultur wird in Die Nachfahren des Dschingis Khan behandelt. Die beiden letzten Abschnitte – jeder ist zwischen 70 und 120 Seiten stark – gehen auf die Auseinanderentwicklung und die Schicksale der Kultur in der Sowjetunion beziehungsweise in der russischen Diaspora ein.

Figes verfährt thematisch-exemplarisch, anhand von immer wiederkehrenden Orten – Palais, Landsitzen, Städten –, am Beispiel von Personen – die Scheremetjews, die Wolkonskis. Er möchte nicht nur die anerkannten und expliziten Formen von Kultur und Kunst – Ballett, Malerei, Musik, Architektur, Literatur – als Stoff analysieren, sondern will "unsichtbare Fäden" sichtbar machen: Zeichen, Symbole, Gesten, Rituale, kulturelle Routinen, Verhaltensweisen, Stile und Bewegungsformen. Er erklärt ausdrücklich, weshalb ihm die schöne Literatur wesentliches Auskunftsmittel geschichtlicher Erzählung ist: Weil sie in Russland immer mehr gewesen sei – Ort der intellektuellen Debatte und Selbstverständigung, Forum für die Behandlung der "verfluchten Fragen", um die die russische Geschichte von jeher gekreist sei. Diese öffnet die Darstellung und macht sie plastisch und reich (vor allem die Kapitel über die Musik, die auch manches Neue enthalten). Die Wiederkehr von Orten und Personen – das Palais der Scheremetjews, Achmatowas Haus an der Fontanka – ist nicht nur ein guter erzählerischer "Trick", sondern erlaubt auch eine Art Langzeitbetrachtung russischer Kultur über die Epochenzäsuren hinweg, eine Geschichte ständiger Rekompositionen, Reformulierungen und Umwertungen.

Die Lebenswelt der gebildeten Klassen