Ein Hinterkopf unter blauer Glaslampe, dunkelblond, borstig, konzentriert über einen Haufen Papiere gebeugt. Der Mann sitzt in einem separaten Kabuff, dem Geschehen abgewandt, ganz für sich, in murmelnder Gesellschaft. Ihn wähle ich aus, er wird meine Bekanntschaft, es ist Donnerstagnachmittag.

Die Sessel- und Sofa-Landschaft der Starbucks-Filiale am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte breitet sich über zwei Etagen aus, in der oberen haben die Langzeitgäste Quartier bezogen. Latte macchiato auf dem Couchtisch, Laptop auf dem Schoß, Blicke ins Ungefähre. Die ganz Lässigen hocken auf der Fensterbank und schlürfen den warmen Kaffee wie nach langer Durststrecke das Wasser in einer Oase.

Der Dunkelblonde verlässt das Kabuff und zieht mit seinem Papierstapel an einen Zweiertisch am Fenster um. Er trägt einen olivgrünen Pullover, seine Augen sind ohne Vorbehalt. Das Lampenfieber ist ganz auf meiner Seite, ich bin die Grenzverletzerin zwischen zwei Unbekannten, ich frage ihn, was ihm in diesem Moment wichtig ist. Inga, sagt er, sie ist vor drei Wochen nach Kanada gegangen, für zehn Monate. Wir haben uns gestritten, bevor sie wegging, jetzt muss ich immer an sie denken. Timo G. studiert Bioinformatik. Die letzte Prüfung vor dem Diplom: Bald bin ich scheinfrei. Kurioses Wort – scheinfrei. In meinem Fach muss man nicht gleich den Himmel erstürmen, um was zu erreichen. Wenn ich die Gleichung P=NP erforsche, könnte ich eine Million Dollar Belohnung bekommen.

"Wir rucken, ihr fickt", steht in großen, krakeligen Kreidebuchstaben an einer Hauswand nicht weit vom Starbucks. Vorwurf der Malocher an die Kreativen der Gegend? Ein Kahlkopf mit Fitnessarmen streichelt die Buchstaben seines Laptops, als wollte er an ihnen den Sinn des Nachmittags ertasten. Die Blonde, die eben noch nervös in Men’s Health blätterte, lässt sich in die Polster fallen, ihr Haar hängt über die Lehne des Samtsessels, sieht nach Luxus aus, Möbel machen Menschen. Sanfte Musik rieselt durch die Etage. Meine Wohnung wird gerade umgebaut, sagt Gläßer, das Café ist ’ne Art Zuflucht, hier kann man in Ruhe lernen, und man ist nicht allein. Durch die Fenster des Starbucks sehen wir auf das Gegenüber, die gleichgültige Fassade eines Neubaus mit uniformen Fenstern, vor denen uniforme Gardinen einen Grauschleier über das Geschehen dahinter ziehen: bewohnte Betten, Schläuche, schwache Gesten. Ein Seniorenheim. In regelmäßigen Abständen erscheint an einem der Fenster eine alte Frau und vergewissert sich, dass das Leben da draußen weitergeht. Schon bizarr, sagt Timo G., ein Altersheim ausgerechnet am Hackeschen Markt, wo kaum einer über dreißig ist, und die da drüben sind kurz vorm Sterben, meine Eltern in Hamburg lassen sich gerade scheiden. Ich bin mit meiner Mutter und mit meiner Freundin Inga in Urlaub gefahren. Hätte ich nicht tun sollen. Ich weiß gar nicht, was werden soll, wenn Inga aus Kanada zurückkommt. Bevor er ins Café ging, hat er sich einen Pullover gekauft, noch mal den gleichen, den olivgrünen. Passt zu Ihren Augen, sage ich. Der ist so gemütlich, sagt Timo, er sagt tatsächlich gemütlich.

Ein großes Mädchen mit weichem Gesicht tritt an den Tisch. Ingas Schwester, stellt Timo sie vor. Er trabt zur Bar und bringt ihr einen Frappuccino im Pappbecher, das Sahnehäubchen passt akkurat unter die Plastikkuppel.