Das Joggen mit freiem Oberkörper, selbst in Fußgängerzonen häufig zu beobachten, spendet dem Läufer an heißen Tagen Erfrischung und gewährt gleichmäßige Bräune. Aber nachdem nun schon unbedeckte Schülerinnenbäuche Anstoß erregten, muss dann nicht mit der Entblößung weniger schulmäßiger Taillen das Recht auf Freizügigkeit im Spießrutenlauf durch die angewiderten Blicke der Altvorderen enden?

Es bedarf der Zergliederung, um diese Frage zu beantworten. Das beginnt beim Geschlecht. Eine unbedeckte Frauenbrust mag keine Massenhysterie mehr auslösen. Gleichwohl gilt sie als Schamverletzung zweiten Grades, und die ist nach derzeitiger Sitte nur an besonderen Orten (Strand, Bühne) oder aus besonderen Gründen (Stillen, Telefonnummern-Singen) erlaubt. Sport fällt nicht darunter. Das nötigt zur Feststellung, dass Frauen vom Joggen oben ohne in der Öffentlichkeit Abstand nehmen sollten. Damit sind die Männer freilich noch nicht aus dem Schneider. Denn auch wenn wir die Körperbehaarung nicht mehr als gottgewollte Anleitung zur Schamhaftigkeit betrachten, unterwerfen wir uns doch der Norm, dass dorthin, wo sie wächst, auch ihr kulturelles Pendant in Form von Kleidung gehört.

Indem wir die für den gesellschaftlichen Umgang entbehrlichen Körperpartien verbergen, bekräftigen wir die Übereinkunft, höfliche Distanz zueinander zu wahren. Wer sich darüber hinwegsetzt, kann noch so harmlos auftreten und weckt doch die Vorstellung, dass er anderen auf den Leib rücken will. Auch der Männeroberkörper gehört mithin nach Möglichkeit verhüllt – unabhängig davon, wie gut er seinem Träger gefällt.

Zugunsten des Joggers kann allerdings ins Feld geführt werden, dass seine Entblößung einer sinnvollen, gesundheitsförderlichen Verrichtung dient. Ob das seinen Anblick ersprießlicher macht, sei dahingestellt. Aber die atavistische Energie, die vom nackten Körper ausgeht, wird so sichtbar vom Mitmenschen weg- und auf das Gemeinwohl hingelenkt. Voraussetzung dafür ist jedoch der untadelige Zustand der übrigen Kleidung als Ausweis sportlicher Betätigung. Aus den genannten Prämissen ergibt sich, dass auf Sportplätzen, in Naherholungsgebieten und für Freizeitaktivitäten freigegebenen Parks das brustfreie Joggen statthaft ist. Damit ist dem Sportsmann allerdings noch nicht viel gedient. Wer schon das Tragen eines T-Shirts als Belastung empfindet, wird auch den Weg vom Wohnsitz zur Laufstrecke schwerlich im Zweireiher zurücklegen wollen.

Nun hat es sich aber eingebürgert, die zeitweilige Nutzung von Wohngebieten für Bewegungssportarten zu dulden, solange der Sportler die einem Gast gebührliche Rücksicht walten lässt. Der barbrüstige Jogger tut das nicht im selben Maß wie der bekleidete. Wenn man jedoch die Abweichung seiner Geschwindigkeit von der eines Fußgängers berücksichtigt, scheint ausgeschlossen, dass er diesen mit seinem Anblick ernsthaft belästigt. Der barbrüstige Jogger geht also konform mit der herrschenden Moral. Aber das gilt nur so lange, wie er seinen Sport auch ausübt. Also: Nur nicht stehen bleiben, auch wenn der Kopf rot und die Luft dünn wird. Wer in seiner Jogginghose japsend und schwitzend einherschlurft, macht sich suspekt und ist vom öffentlichen Ärgernis nur noch eine Bierflasche entfernt. 

MICHAEL ALLMAIER

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