Wie lange bestimmt die ehemalige DDR das Bewusstsein? Für Günter Netzer ist der Fall klar. Dem Fußballnationalspieler Michael Ballack, erklärte der Fußballguru vergangene Woche der Nation, fehle das Zeug zur Führungsfigur auf dem Spielfeld – und zwar auch wegen dessen Kindheit im ostdeutschen Kita-Kollektiv. Der Ethikrat wechselt sich ein und grätscht dazwischen.

Kein Individuum entkommt seiner Vergangenheit. Zu diesem – nicht ganz neuen – Schluss gelangte unlängst auch Analysegenie Günter Netzer. Und einmal kritisch in Fahrt geraten, legte Netzer seinen spitzen Zeigefinger dann ganz gezielt in Deutschlands Ost-West-Wunde. Gemäß Netzer besteht die eigentliche Ursache der nationalen (Fußball-)Misere nämlich in nichts anderem als der Ostsozialisation unserer hoffnungsvollsten Führungskräfte.

Zwar fiel der Name Angela Merkel nicht ausdrücklich, aber was für Mittelfeldmann Michael Ballack aus Görlitz zutrifft, wird nach Netzers haariger Analyse wohl für sämtliche Höchstbegabungen des Ostens gelten: Obgleich sie "das Beste sind, was wir haben", bleiben diese zu früh geborenen Individuen doch "charakterlich ungeeignet", ein großes Team zu großen Siegen zu führen, denn "in der DDR zählte das Kollektiv", solche Sozialisierung aber – und jetzt fein aufgepasst, liebe Fans der Bundesrepublik! – "hat den Weg für Genies verstellt". Also sprach Günter Netzer.

Bei einem derart ambitionierten Schwachsinn muss selbst der Ethikrat erst einmal um Fassung ringen. Die These indes bleibt unbedingt bedenkenswert. Schließlich steht Netzer mit seinem ingeniösen Totalausfall nicht allein auf Deutschlands Fluren. Im Gegenteil. Die ungut angesetzte Paarung zwischen lokalem Geniekult und Führersehnsucht hat bewährte Tradition und bildet seit mehr als 250 Jahren einen roten Faden deutschzüngelnder Geistesgeschichte.

Fing es bei Ostgenius Immanuel Kant (Chinese aus Königsberg) noch unschuldig ästhetisch an, so nahm der Geniebegriff bereits in der deutschen Romantik ein distinkt nationales Geschmäckle an, wurde von Über-Spieler Friedrich Nietzsche (Ossi!) in neue, gemeinschaftsgefährdende Sehnsuchtshöhen geführt, bis die Geniereligion schließlich zum kollektiven Glaubensbekenntnis des freien Westens aufstieg: Sind wir nicht alle potenzielle Führungsspieler?

Hätte Netzer gewohnt präzis festgehalten, jede erfolgreiche Mannschaft bedürfe auf dem Platz zweier oder besser gleich dreier besessener Asozialer, die in ihrem unbedingten Siegeswillen selbst die Minimalregeln des spielerischen Miteinanders unterlaufen, wir hätten ihm einmal mehr schweigend zunicken müssen. Oliver Kahn aus Stutensee, Nordbaden, ist auf dem Platz solch ein Grenzwertcharakter, der talentierte Herr Ballack hingegen nicht – Ende der kritischen Durchsage. Mit Ballacks Herkunft aus dem Osten hat dessen moderateres Wesen gewiss nicht mehr zu tun als etwa mit seiner schwarzen Haarfarbe. Wobei, denkt man einmal darüber nach, ja auch der willensstarke Führungsmotzki Matthias Sammer so blond beschopft ist wie Kahn, wie Stefan Effenberg, Boris Becker, Jan Ullrich, Dieter Bohlen, wie einst Netzer. Ecce, Günter! Hat man sich erst einmal dem Führungspielerfahndungswahn verschrieben, kennt der Thesenunfug offensichtlich keine Grenzen mehr. Die Kritik wird zur spekulativen Ideologie. Auf diese Weise verdirbt gar die Freude am letzten wahren Gesamtkunstwerk unserer Zivilisation, dem Fußball.