Antonia Peters wird manchmal nach ihrem Friseur gefragt, wegen ihrer "gekonnten" Mischung aus schwarzen und weißen Haaren. Doch die weißen Haare der hübschen Frau Anfang der Vierziger hat kein Figaro gebleicht. Sie sind das Ergebnis von jahrzehntelangem zwanghaftem Haareausreißen, der Trichotillomanie.

Heute steht Peters nicht nur zu ihren weißen Haaren und ihrer Krankheit, sie will auch anderen helfen, von diesem seltsamen Leiden loszukommen. Sie hat sogar eine Tagung zum Thema Trichotillomanie initiiert, am 26. und 27. September treffen sich die Fachleute in Hamburg.

Sie selbst hat verschiedene Therapien durchlaufen, hat Rückschläge erlebt und Phasen der sozialen Isolation. Geholfen hat ihr schließlich ein Forschungsprojekt des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE). Im Oktober 1996 starteten Iver Hand und Annett Neudecker eine fünf Jahre dauernde Studie, um die Behandlung für Trichotillomane zu verbessern. Hierbei boten sie 40 Patienten, 38 Frauen und zwei Männern, an, sich entweder für eine medikamentöse Behandlung mit dem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Paroxetin zu entscheiden oder für eine Verhaltenstherapie.

Peters wählte das Medikament als Einstieg. Inzwischen gehört sie zu den ganz wenigen, die offen über ihr Leiden reden: "Einerseits hilft mir das Haareausreißen, Spannungen abzubauen, mit meinen Gefühlen und Ängsten klarzukommen. Andererseits schäme ich mich schrecklich dafür und versuche ständig, das zu lassen." Trichotillomanie gehört zu einer ganzen Familie von Zwangserkrankungen wie Spielsucht, stundenlangem Putzen der Wohnung oder Waschzwang, bei dem sich Erkankte die Haut wundschrubben. Andere wiederum können nichts wegwerfen und häufen in ihrer Wohnung jeden erdenklichen Müll an.

Die Trichotillomanie wurde zwar schon 1889 erstmals diagnostiziert. Aber auch heute kann es noch passieren, dass sogar ein Psychiater zum Erkrankten sagt, der eine Therapie sucht, er solle doch einfach mit dieser "dummen Angewohnheit" aufhören. Damit trifft er einen wunden Punkt. Denn Zwangserkrankte leiden deswegen besonders unter ihren Symptomen, weil sie wissen, dass ihr Tun eigentlich unsinnig ist.

Sie reißen hauptsächlich Kopfhaare aus, machen aber auch vor Schamhaaren, Augenbrauen und sogar Wimpern nicht halt. Einige Patienten empfinden eine besondere Lust beim Beschäftigen mit dem ausgerupften Haar. Es wird ausgiebig betrachtet, in Stücke gezupft, zerkaut oder verschluckt. Andere reißen automatisch an ihrem Schopf, weil die freie Hand beim Telefonieren, Schreiben oder Lesen irgendwann den Weg zum Haar gefunden hat.

Besonders selten ist das Leiden nicht. Eine in den USA durchgeführte epidemiologische Studie ergab, dass immerhin 1,6 Prozent der Männer und sogar 3,4 Prozent der Frauen zumindest zeitweise Trichotillomanie entwickeln. Allerdings kommen betroffene Männer nur selten in Behandlung, weit weniger als Frauen. "Sie können den Haarausfall besser verstecken und wenden sich generell seltener an Therapeuten", sagt Annett Neudecker.

Veith Rösner hat auf seiner Jugendstation in der Göttinger Kinder- und Jugendpsychiatrie einige Betten für Zwangserkrankte reserviert, darunter auch Trichotillomanen. Für ihn ist die Grenze zwischen Angewohnheit und Zwangsstörung fließend, entscheidend ist das Empfinden des Patienten. Leidet er sehr unter dem Zwang, dann muss man von einer Erkrankung reden. Der Patient komme von dem subjektiv als untragbar empfundenen Zustand nicht mehr aus eigener Kraft los, erklärt Rösner: "Dadurch entsteht ein Teufelskreis, dem sich der Mensch oft durch soziale Abschottung zu entziehen versucht."