Vom Flughafen zum Platz der Nationalhelden, vorbei am Wandbild des Befreiungskampfes, dann auf der Straße des Volkskrieges bis zur Magistrale 24 de Julho, das Museu da Revolução rechts liegen lassen, die Avenidas Karl Marx und Vladimir Lenin queren und vor bis zur Avenida Julius Nyerere. Dieser Weg führt schnurstracks zum Piri Piri. Wenn wir unter der schattigen Markise an einem der Tischchen mit den hühnerblutroten Decken sitzen und auf das Markenzeichen der cervejaria schauen, auf das Huhn, das in eine gelbe Posaune stößt, dann sind wir in Maputo angekommen.

Die "revolutionäre Route" in die Stadtmitte, dann das erste Laurentina-Bier im Piri Piri – das ist unser Ankunftsritual seit 15 Jahren. Aber der letzte Besuch liegt schon vier Jahre zurück, und diesmal erwartet uns eine andere Stadt.

Die Namen der Straßen sind zwar die gleichen, und die Tischdeckchen vom Piri Piri sind immer noch hühnerblutrot. Aber direkt vis-à-vis der Kneipe steht jetzt ein nagelneues Hochhaus, ein glitzernder Koloss mit Banken, Computer-Shops und Boutiquen. Spätestens bei seinem Anblick weiß man, dass auch in Mosambik der Sozialismus und die Kommandowirtschaft abgeschafft wurden. Die Hauptstadt Maputo ist aus einem langen Dämmerschlaf erwacht. Neue, unwiderstehliche Mächte haben ihr Gesicht verändert. Die Mächte des Kapitals und des Konsums.

Die Avenidas säumen jetzt Supermärkte und Modeläden, protzige Bürokomplexe und aufgetakelte Hotels, schicke Straßencafés und Fast-Food-Filialen. An jeder Tankstelle fließt Benzin. Die Jugend rennt mit gezückten Handys herum. Baukräne kreisen, überall in der Stadt wird gebohrt, gesägt, gehämmert und betoniert.

Maputo ist neben Luanda in Angola die ökonomisch schnellstwachsende Kapitale in Afrika, zehn Prozent im Jahr, vielleicht sogar noch mehr, keiner weiß das so genau. Man darf jedenfalls von einem kleinen Wirtschaftswunder reden, und selbst die vor dreißig Jahren geflohenen Kolonialherren, die Portugiesen, sieht man wieder im Piri Piri sitzen. Denn hier können sie die köstlichsten camarãos (Langusten) und die schärfste Chilisoße Afrikas essen. Und sie können wieder schnell und viel Geld machen.

Die Stadt hat sich in ein Zwitterwesen verwandelt. Sie gleicht dem Helden des Romans Unter dem Frangipanibaum, den Mia Couto geschrieben hat, der berühmteste Schriftsteller Mosambiks. Ermelindo Mucanga, der Protagonist, ist ein xipoco, eine untote Seele. In seinem ersten Leben war er Schreiner, im zweiten ermittelt er als Polizeikommissar in einem mysteriösen Mordfall. Er wandelt zwischen den Kulturen und Zeiten, kein Portugiese mehr, aber auch kein richtiger Afrikaner. Mucanga, der Wiedergänger, ist die leibhaftige confusão, die große Verwirrung dieser Stadt, dieses Landes, dieses Kontinents im Zeitalter der Globalisierung. Er soll unser imaginärer Stadtführer sein.

Meister Mucanga stellt uns gleich seine Margarita vor, eine Zauberin, die in einem Badezuber nächtigt, weil sie sich im Schlaf manchmal verflüssigt. Sie verhält sich wie die Stadt, die sich ihres Aggregatzustandes nicht sicher ist. Sehen Sie nur die Gegensätze!, ruft der Inspektor. Die ratternde Handkarre und der schnurrende Geländewagen. Die Kuh, die um ein nagelneues Kartentelefon herum grast. Der Banktempel an einer Teerstraße, die mit kratertiefen Schlaglöchern übersät ist. Das traditionelle Palaver unter einem Mangobaum und das Internet-Café. Die luxuriöse Wohnfestung im Stile der zeitgenössischen Angstarchitektur und das Meer aus Blechhütten. Allerwegen prallen Wohlstand und Armut, Rückständigkeit und Moderne, Erste und Dritte Welt aufeinander.

Die Hafenstadt an der Delagoa-Bucht, in der heute eine Million Menschen leben, war einst ein ungesundes Malaria-Nest. Es wurde benannt nach Lourenço Marques, einem Seefahrer aus Lissabon, und 1898 zur Hauptstadt der Kolonie Portugiesisch-Ostafrika erkoren. 1975, gleich nach der Unabhängigkeit Mosambiks, erhielt sie den Namen eines unbeugsamen Häuptlings: Maputo. Es war die Zeit, in der der Befreiungskampf gegen die weißen Fremdherrscher zu Ende ging und der Bürgerkrieg ausbrach: das linke Frelimo-Regime gegen die rechten Renamo-Rebellen, ein klassischer Stellvertreterkonflikt des Kalten Krieges, bei dem vermutlich eine Million Menschen starben und der das Land verwüstete.