Der Moderator schwitzt heftig. Er trägt ein gelbes Wildledersakko mit Hirschhornknöpfen, darunter ein langärmeliges, tintenblaues Hemd. Es ist Ende August, und es sind mehr als dreißig Grad - im Schatten, wohlgemerkt. Doch Michael Harles, Drehbuchautor und Moderator von Melodien der Berge, steht in der prallen Mittagssonne auf dem Waltherplatz in Bozen. Er sagt: Herzlich willkommen zu den Melodien der Berge. Auf der Alm, do gibt's koa Sünd, und deswegen sind wir heute einmal in die Hauptstadt Bozen herabgestiegen, um den älplerischen Besonderheiten und ihren geheimen Seiten nachzuspüren. Es gibt hier nicht nur vielfältige Ausdrucksformen und Dialekte ... Dialekte, das ist das Stichwort für die Dame von der Südtiroler Marketing Gesellschaft (SMG), die das Fernsehteam betreut und nun eine Komparsenrolle spielen darf: Sie stürzt auf den Moderator zu, umarmt ihn stürmisch und drückt ihm einen dicken Schmatz ins Gesicht. Im selben Augenblick wird sie aber schon von einem garstigen Mann mit weißem Hemd und breitkrempigem Hut grob weggerissen. Der Mann gehört auch zum Aufnahmeteam, muss hier aber - porca miseria - den eifersüchtigen Italiener geben. ... sondern auch sanfte Hügel, Täler und bewaldete Auen, fährt der Moderator unbeirrt in seinem Text fort, nunmehr lüstern an einer blonden, vollbusigen Frau herabblickend, die sich eben in seine Arme geschmissen hat. Diesmal ist es die Maskenbildnerin des Teams, die älplerische Besonderheit verkörpern darf.

Etwas Frivolität, eine gute Portion Klischees, dazu ein Schuss Italien, das Ganze überbacken mit Liedern, die von Heimat, großer Liebe und majestätischen Bergen erzählen - das Rezept ist denkbar einfach, der Erfolg programmiert.

Melodien der Berge wird zur Prime Time im Ersten laufen, am 11. Oktober, 20.15 Uhr. Gerechnet wird mit drei Millionen Zuschauern. Ursprünglich hätte die Sendung 90 Minuten dauern sollen, die ARD hat kurzfristig um weitere 15 Minuten verlängert. Deshalb musste das Drehteam noch einmal anrücken. Im vergangenen Herbst hatte man bereits gefilmt, was das Zeug hielt: Schuhplattln auf der Alm im Villnösstal, Messer- und Pfeifenhandwerk im Sarntal, ein Interview mit einer Bäuerin auf dem Bergbauernhof, dazwischen immer wieder die volkstümlichen Musikgruppen, sorgsam in Szene gesetzt vor romanischen Kirchlein, sonnenüberfluteten Felswänden oder üppigen Weingärten.

In den vergangenen zwei Jahren strahlten allein ARD und ZDF 16 solcher in Südtirol spielenden Produktionen aus.

Kundenpflegemaßnahmen sind das für Christoph Engl. So nennt der Direktor der Südtiroler Marketing Gesellschaft die volkstümlichen Musiksendungen, an deren Kosten sich seine Gesellschaft beteiligt. Gepflegt werden jene 80 Prozent älterer Stammkunden, die bereits mehrmals in Südtirol gewesen sind.

Wenn wir mit den Sendungen erreichen, dass die sich sagen: Guck mal, die Seiser Alm, da waren wir auch schon!, dann haben wir alles geschafft.

25 Millionen Übernachtungen jährlich zählt das Land mit seinen 500 000 Einwohnern. 59 Prozent der Gäste kommen aus Deutschland, der Durchschnittsgast ist 53 Jahre alt. Er überschneidet sich altersmäßig damit recht gut mit dem Durchschnittszuschauer volkstümlicher Musiksendungen. Weil allerdings die neue Zielgruppe der Südtiroler Tourismusstrategen zwischen 29 und 49 Jahre alt ist, lehnt man bei der SMG auch manchmal eine der zahlreichen Anfragen von Produktionsfirmen ab. Stattdessen, sagt Engl, sollen künftig mehr Abenteuer-, Reise- oder Aktivsportbeiträge an Land gezogen werden. Mit teuren, 20 Sekunden kurzen Fernsehspots wird parallel dazu die breite Masse angesprochen.