Von Manfred Hildermeier

Dies ist zweifellos ein Buch, das man nicht so leicht vergisst. Auch wenn man der, wie so oft, überzogenen Verlagswerbung nicht glauben mag, es gebe bislang "kein anspruchsvolles Werk" über den Gulag, wird man den Pioniercharakter des Werkes als Gesamtschau anerkennen und der Leistung großen Respekt zollen. Anne Applebaum, Kolumnistin der Washington Post, hat die Chance genutzt, die der Rückblick auf das düsterste Kapitel der Sowjetunion nach dem Ende des Tabus eröffnet, das bis zur Glasnost auf dieser Vergangenheit lag. Sie hat sich als Erste durch die Massen an Memoiren und sonstigen neuen Zeugnisse gelesen, die vor allem von der Gesellschaft Memorial veröffentlicht worden sind. Sie hat sich auf Spurensuche begeben, um wenigstens Ort und Landschaft ungefähr nachzuerleben, und sie hat selber in regionalen und zentralen Archiven recherchiert. Die Mühe hat sich gelohnt. Vergleichbar ist aus jüngerer Zeit nur der große Abschnitt im – ansonsten mit größter Vorsicht zu lesenden – Schwarzbuch des Kommunismus aus der Feder von Nicolas Werth. Auf einige Zeit wird man über den Gulag nichts Besseres finden.

Der erste Teil ist historisch angelegt und beschreibt die Ursprünge des Gulag ab ovo bis 1939. Dabei erweist es sich als geschickter Kunstgriff, die Zäsur erst 1939 zu setzen und nicht wie üblich bei der "großen Wende" und dem Aufstieg Stalins. Denn nun kann die Autorin, nach den spärlich dokumentierten eigentlichen Anfängen in den 1920er Jahren, die wucherungsartige Ausbreitung der verschiedenen Arten von Lagern einschließlich der Sondersiedlungsgebiete für die deportierten "Kulaken" zu jenem Archipel nachzeichnen, der seit Solschenizyns gleichnamiger Trilogie (1974) als Synonym für stalinistischen Terror gilt.

Unter den Motiven rückt Applebaum die ökonomischen in den Vordergrund. Als Stalin 1929 die wahnwitzige Parole ausgab, den ersten Fünfjahresplan in vier Jahren zu erfüllen, begann auch der Ausbau der Lager. Dabei griff man auf eine Idee zurück, die ein aufstiegsbewusster Häftling an höchster Stelle vorgetragen haben soll: die Wegsperrung von "Abweichlern" doch für den "Aufbau des Sozialismus" zu nutzen.

Dank dieser Idee entstand unter der Ägide der Geheimpolizei ein ausgedehntes Imperium aus Zwangsarbeit, das die Autorin sogar zum "wichtigsten Wirtschaftsfaktor des Landes" erklärt. Dürfte dies auch übertrieben sein, so liegt die elementare Bedeutung der Lagersklaverei für die extraktive Industrie in den Eiswüsten des Nordens und der sibirischen Einöde ebenso auf der Hand wie für den arbeitsintensiven Bau von Bahnlinien und Wasserwegen. Die Kohle, die man bei Workuta abbaute, die Ölquellen an der Uchta (im Gebiet der Komi), das Gold der Kolyma (im sibirischen Nordosten), mit dem man moderne Technik aus den USA bezahlte – all diese Naturschätze wurden von Zwangsarbeitern gefördert. Prestigeprojekte wie der Weißmeer-Kanal waren das Werk Zigtausender Häftlinge, deren Schinderei kein Geringerer als Maxim Gorki durch einen wohlgefälligen Besuch noch verhöhnte. Bahnlinien, die Sibirien besser erschließen sollten, bauten Opfer des großen "Fleischwolfs", in den spätestens seit 1935 jeder geraten konnte.

Ihr Leben und Arbeiten (Teil II) beklemmend anschaulich zu beschreiben ist sicher die hauptsächliche – und bleibende – Leistung dieses Buches. Auf 280 Seiten breitet Applebaum die Ergebnisse ihrer ebenso akribischen wie engagierten Lektüre aller erreichbaren Memoiren aus, wie wieder lesbar gemachte Schnipsel zerrissener Manuskripte säuberlich in alle denkbaren Aspekte des Häftlingsschicksals und -alltags sortiert: von Arrest, Gefängnis, Transport bis zu Arbeit, Strafe, Bewachung, den besonderen Qualen der vergewaltigten Frauen, Krankheit, Tod und Flucht. Was hier zusammengetragen worden ist, wird für Kenner der Lagerliteratur nicht grundsätzlich neu sein. Aber Vollständigkeit, thematische Zuordnung und treffsichere Zitate sorgen für eine Dichte, die über die bisherige Auswertung biografischer Zeugnisse deutlich hinausgeht.

Der dritte, abermals historisch angelegte Teil über die Jahre 1940 bis 1986 enthält vermutlich am wenigsten Neues. Die Tragödie der Kriegsheimkehrer und die blutig niedergewalzten Aufstände von Workuta und Tengir 1953/54 sind der Aufmerksamkeit der Sowjetexperten nicht entgangen. Vor allem aber ist die Dissidentenbewegung im Zuge der Globalisierung der Kommunikation von einer wachsenden Expertenschar intensiv beoachtet worden. Dennoch, zumindest für die Endphase des stalinistischen Gulag gilt, dass Applebaum durch die Breite ihrer Quellen und die Anschaulichkeit der Präsentation die bloße Rekonstruktion weit hinter sich lässt.