Von Dietrich Geyer

Vergleichbares hat es in der historischen Russlandforschung bisher noch nicht gegeben: eine groß angelegte Geschichte des russischen Alltags über mehr als ein Jahrtausend hin – vom ostslawischen Frühmittelalter bis zur postsowjetischen Gegenwart. Zwei Bände dieses vom Züricher Chronos-Verlag vorzüglich ausgestatteten Werkes werden auf der Frankfurter Buchmesse zu sehen sein. Sie reichen bis zur späten Zarenzeit. Der noch ausstehende dritte Band (Die sowjetische Moderne und die Zeit danach) dürfte nicht lange auf sich warten lassen.

Angeboten wird keine Sammlung heterogener Beiträge, sondern ein Opus magnum aus einem Guss und einer Hand, verfasst von Carsten Goehrke, dem erst kürzlich emeritierten Osteuropahistoriker der Züricher Universität. Das hohe Ansehen, das dieser Gelehrte in der Fachwelt genießt, beruht auf der Qualität seiner weit ausgreifenden Forschungen zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Russlands und des eurasischen Raumes. Aus guten Gründen zählt er sich zu den "Strukturhistorikern".

Dass Goehrke 1976 dennoch dazu kam, in Zürich erstmals einen Vorlesungszyklus zur Geschichte des täglichen Lebens in Russland anzubieten, entsprach denn auch nicht so sehr seinen bisherigen Forschungsfeldern als vielmehr der Räson seiner Lehrtätigkeit. Ihm ging es darum, für sich und seine Hörer Gegengewichte zur strukturgeschichtlichen Richtung zu schaffen, der, wie er sagt, "das eigentliche Sujet der Historie – der Mensch – abhanden gekommen" sei. Der Streit um Nutzen und Nachteil der Alltagsgeschichte, der wenig später die Gemüter mancher Fachgenossen erhitzte, mag ihn in dieser Ansicht bestätigt haben. Im Lauf der Jahre reifte der Gedanke heran, aus diesen Vorlesungen ein Buch zu machen. Für Goehrke verstand sich dabei von selbst, dass Alltagsgeschichte "eine in hohem Maße wissenschaftlich integrative Geschichtsschreibung" erfordert und dass sich vergangene Lebenswelten nur dann zugänglich machen lassen, wenn historische Anthropologie und Verhaltensforschung, Volkskulturforschung und Mentalitätsgeschichte, Archäologie und historische Geografie zusammenkommen.

Als erfahrener akademischer Lehrer ist der Autor damit vertraut, dass sich in der Beschränkung erst der Meister zeigt. Die erste Beschränkung, die er sich auferlegte, bestand in dem Entschluss, über den Raum des europäischen Russlands nicht hinauszugehen, die zweite darin, auf die Form einer kontinuierlich fortlaufenden, gar einer "großen" Erzählung zu verzichten. Stattdessen hat er auf dem weiten Weg vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart neun "alltagsgeschichtliche Zeitfenster" ausgewählt, die mit der konventionellen Epochengliederung der russischen Geschichte nur in loser Fühlung stehen. Sie sollen den Blick auf lokal und individuell fassbare Verhältnisse lenken und die Augen öffnen für Kontinuität und Wandel gruppenspezifischer Lebensbedingungen und Vorstellungswelten in den räumlichen Milieus von Land und Stadt. Dazu gehören Grundkonstanten menschlichen Lebens wie Existenzsicherung, Essen und Trinken, Sexualität, soziale Beziehungen, gehören aber auch Normengefüge, Werthaltungen und Imaginationen, die sich für weite Bereiche der Vergangenheit nur indirekt erschließen lassen.

Sechs dieser "Zeitbilder" sind in den beiden ersten Bänden enthalten. Der erste Band (Die Vormoderne) rekonstruiert für das 9. Jahrhundert einen "Flickenteppich verstreuter Kleinsiedlungen", beschreibt das Leben in den "Kleindörfern und Burgstädten" des 12. und frühen 13. Jahrhunderts, in den Streusiedlungen des 15. Jahrhunderts sowie den moskowitischen Alltag der vorpetrinischen Zeit "im Schatten autokratischer Allmacht". Der zweite Band (Auf dem Weg zur Moderne) steht dank des wachsenden Bestandes an Ego-Dokumenten auf breiteren Fundamenten; er wendet sich zunächst den Folgen der petrinischen Reformen zu, der "gespaltenen Gesellschaft" unter Katharina II. (1762 bis 1796), und beschreibt sodann die städtischen und ländlichen Lebenswelten Russlands im Sog forcierter Modernisierung (1880 bis 1914).

Die sechs Großkapitel sind nahezu gleichartig strukturiert. Der eigentlichen Darstellung gehen jeweils knappe Überblicke voraus: Sie charakterisieren die Quellenlage und den Forschungsstand und stellen den Bezug zu den Makrostrukturen her, zu den Epochen jener "großen Geschichte", in der gewöhnlich wenig Platz ist für die Lebensbedingungen, Emotionen und Erfahrungen der kleinen Leute. Um dem Leser unmittelbare Anschauungen zu vermitteln, sind jedem Kapitel Quellen und zeitgenössische Abbildungen beigegeben worden.