Von Uwe Jean Heuser

Aufs Interessanteste beschreibt der amerikanische Historiker Harold James die erste große Globalisierungswelle, die mit der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre verebbt. Das reicht ihm aber nicht. Folglich holt James seine Geschichte ins Heute und beschwört eine Gefahr für uns alle: Einmal mehr drohe die Globalisierung zu scheitern, einmal mehr die Staatengemeinschaft in einer Depression zu versinken.

Wohin der Autor auch schaut, überall lauert die Bedrohung in Form historischer Parallelen. Genau hier liegt die Erklärungsfalle. Denn die so genannten Parallelen sind nicht überzeugend. Das Schlusskapitel fällt im Vergleich zu den packenden historischen Teilen ab. Mal werden die Gefahren benannt, mal nur angedeutet, dann wieder infrage gestellt – insgesamt steht am Ende dieser beeindruckenden Arbeit ein großes Geraune. Der letzte kurze Absatz kann das bezeugen: "Das Fehlen dieser beiden Merkmale – eines intellektuellen Bezugrahmens und eines konkreten Vorbilds für eine Volkswirtschaft, die sich erfolgreich gegen die Globalisierung abschottet – erklärt, weshalb das Pendel so langsam von der Globalisierung weg schwingt. Aber es erklärt nicht, weshalb es gar nicht zurück schwingen sollte."

Mit anderen Worten: Es fehlen heute wichtige Voraussetzungen, die damals zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft führten. Auch das Vorwort zur deutschen Ausgabe, die erst zwei Jahre nach dem Original erscheint, kann diesen Eindruck nicht wegwischen.

Harold James hat Recht: Die Globalisierung, also die Öffnung nationaler Grenzen für Güter, Kapital und Menschen, ist kein Selbstläufer. Obwohl ihre Vorzüge vielfach dokumentiert sind, obwohl Länder, die sich geöffnet haben, im Schnitt viel besser dastehen als die anderen, kann der Prozess jederzeit abbrechen und – viel schlimmer – rückgängig gemacht werden. Was für die Marktwirtschaft generell gilt, stimmt auch für die Bildung einer integrierten Weltwirtschaft: Das freiheitliche System droht immer wieder zu überdrehen und sich auf diese Weise selbst die Grundlage zu entziehen.

Dieser Gedanke trägt James’ Untersuchung. Im 19. Jahrhundert bekommt die Globalisierung ihre erste große Chance. Handel, internationale Investitionen und Migration schaffen in vielen Ländern neuen Wohlstand. Aber der internationale Wettbewerb erzeugt auch Verlierer – zum Teil solche, die wir heute noch kennen. Beispielsweise fürchten europäische Bauern um ihr Auskommen und verlangen Abschottung. Schlecht ausgebildete Arbeiter verlieren ihren Job, weil ihn jemand in oder aus Übersee billiger oder besser erledigt. Die gerade entstandenen Nationalstaaten antworten gegen Ende des Jahrhunderts, indem sie Sozialsysteme aufbauen. Zentralbanken entstehen, um Finanzkrisen abzuwehren. Später soll der Völkerverbund für Koordination und Kontrolle in der Weltwirtschaft sorgen. Zentralbanken wehren gemeinsam eine Reihe drohender Finanzkrisen ab. Doch all diese Institutionen stabilisieren das Leben der Menschen in den Industrieländern nicht annähernd so stark wie erhofft. Aktienmärkte brechen zusammen, Industriebranchen gehen kaputt, Spekulanten decken die Schwächen einzelner Währungen auf und erzeugen Angst und Wut, Einwanderer werden als Schmarotzer verachtet. Langsam gehen die einzelnen Nationalstaaten ihre eigenen Wege. Kapitalverkehrskontrollen kommen in Mode. Von den USA bis Europa wird die Zuwanderung beschränkt, Handelsschranken sollen heimische Lobbygruppen beruhigen.

Anschaulich, mit überraschenden Details und interpretatorischem Mut erzählt Harold James aus dieser Epoche. Die Welt gerät in einen Teufelskreis. Die übertriebenen Erwartungen an die Globalisierung trüben den Blick auf die tatsächlichen Vorteile. Dann bekommen die Verlierer Oberwasser, die Stimmung kippt. Die Weltwirtschaft stolpert über all die neuen Grenzen, Vorschriften, Emotionen. In der Krise bekommt der Nationalismus Oberwasser, auch die Demokratie gerät in einigen Ländern unter die Räder. Erst ein halbes Jahrhundert später kommt die Globalisierung wieder in Fahrt.