Von Hans-Martin Lohmann

Eduard Bernstein und Karl Kautsky galten vor hundert Jahren als die theoretischen Köpfe und intellektuellen Wortführer der deutschen Sozialdemokratie, die sich damals zur ersten politischen Massenorganisation im Kaiserreich entwickelte. Als legitime Erben von Marx und Engels, mit denen sie noch persönlich bekannt gewesen waren und deren nachgelassene Schriften sie herausgaben, avancierten beide in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu einflussreichen Instanzen, was die marxistische Tradition der Sozialdemokratie und den Umgang mit ihr betraf. Kautsky, Redakteur der Neuen Zeit und Verfasser vor allem von Schriften über die Geschichte der sozialistischen Bewegung, rückte um die Jahrhundertwende mehr und mehr zum "Kirchenvater" auf, dessen Name zum Synonym für die "reine Lehre" des marxistischen Zentrums der SPD wurde. Bernstein hingegen, geistig beweglicher und anpassungsfähiger als der vier Jahre jüngere Kautsky, trat Ende der neunziger Jahre mit politischen Thesen hervor, die das revolutionäre Selbstverständnis der SPD radikal infrage stellten und diese, wenn auch gegen mannigfache Widerstände, schließlich auf einen Weg brachten, den sie seither nicht verlassen hat – auf den Weg einer sozialen Reformpolitik, die mit der Vorstellung von einem gewaltsamen revolutionären Bruch und einem sozialistischen "Endziel" der Geschichte, nämlich der klassenlosen Gesellschaft, bricht. Sein berühmt gewordener Satz lautet: "Ich gestehe es offen, ich habe für das, was man gemeinhin unter ‚Endziel des Sozialismus‘ versteht, außerordentlich wenig Sinn und Interesse. Dieses Ziel, was immer es sei, ist mir gar nichts, die Bewegung alles."

Der Gegensatz von Reform und Revolution

In den Gestalten Kautskys und Bernsteins personifizierte sich um die Jahrhundertwende ein virulenter Konflikt, der nicht ohne Erbitterung ausgetragen wurde und in der Folge das gesamte "kurze" 20. Jahrhundert aufseiten der europäischen Linken prägen sollte: der Gegensatz von Reform und Revolution, von Sozialdemokratie und Bolschewismus beziehungsweise Kommunismus. Es entspricht daher nur der historischen Bedeutung Bernsteins und Kautskys (der freilich à la longue Bernstein in der Sache näher stand, als es die aktuelle Konfliktlage zunächst vermuten ließ), dass nunmehr ein wesentlicher Teil ihres umfangreichen Briefwechsels publiziert vorliegt, der aufschlussreiche Einblicke sowohl in das persönliche und politische Verhältnis der beiden Männer zueinander als auch in ihr Verhältnis zur deutschen Sozialdemokratie und zur europäischen Arbeiterbewegung gewährt. Von den insgesamt knapp 1000 Briefen, die für den Zeitraum zwischen 1879 und 1933 erhalten sind, hat der Herausgeber jenen Teil der Korrespondenz, 307 Stücke, veröffentlicht, der die Vorgeschichte und schließlich den Konflikt selbst dokumentiert. Seine größte Dichte entfaltet der Briefwechsel in den Jahren 1895 bis 1899, danach wird der Austausch zwischen Bernstein und Kautsky immer spärlicher und versandet nach 1905 für Jahre gänzlich. War Bernstein für Kautsky lange Zeit "My dear old boy" beziehungsweise "Mein lieber Ede" und dieser für ihn "Mein lieber Baron", gar "Geliebter Ketzer, Katzenanbeter und Katzenküsser", so erkaltet der Ton später zum geschäftsmäßig-distanzierten "Lieber Ede" und "Lieber Kautsky".

Seine Substanz zieht der Briefwechsel nicht zuletzt aus dem von beiden Korrespondenten immer wieder thematisierten Spannungsverhältnis zwischen der Partei und ihren organisationspolitischen Erfordernissen einerseits und jener bürgerlichen Privatheit andererseits, in welcher Bernstein und Kautsky ihre Theorieproduktion betrieben. Obwohl anerkannte und offizielle Exegeten des Partei-Marxismus und kraft ihrer Stellung als Redakteure sozialdemokratischer Zeitungen und Zeitschriften im Besitz eines theoretischen Deutungsmonopols, hatten Bernstein und Kautsky immer wieder größte Schwierigkeiten, die Notwendigkeit und Unabhängigkeit intellektueller Arbeit gegenüber den maßgeblichen Parteikreisen plausibel zu machen, aus denen ihnen nicht selten Ignoranz oder Misstrauen entgegenschlug. In seiner Einleitung notiert der Herausgeber: "Mit der Entwicklung der sozialdemokratischen Partei zur Massenpartei […] verschwindet jene Identität von Mehrwertproduzent und Einsicht in die Mehrwertproduktion, wie sie Marx vorschwebte. Erhalt und Ausbau der Partei und nicht die theoretische Durchdringung der Gesellschaft werden jetzt, lange vor dem leninistischen Hybrid-Typ, zur dominanten Aufgabe der Parteimitglieder."

Und so häufen sich bei den Korrespondenten die Klagen über "die Kurzsichtigkeit und Kleinkrämerei unserer leitenden Geister" (Kautsky), über das Desinteresse der "Politiker", zum Beispiel der Parteiführer August Bebel, Ignaz Auer und Paul Singer, an der Arbeit der "Theoretiker" – ein Desinteresse, das sich nicht zuletzt auch daran ablesen lässt, dass die Führung der SPD sich beharrlich weigerte, die von Kautsky redigierte Neue Zeit, immerhin das zentrale Theorieorgan der Partei, aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Dies überließ er dem Stuttgarter Verleger Dietz, der wiederum als guter Kapitalist alles daransetzte, die Kosten des Blattes nach Kräften zu drücken, und damit dessen Qualität gefährdete. Typisch der resignierte Seufzer Kautskys anlässlich eines parteiinternen Streits über die Haltung zu einer Wahlrechtsänderung in Sachsen: "Wozu noch versuchen, in die deutschen Parteiverhältnisse aktiv einzugreifen? Werden wir akademisch."

Auch Bernstein möchte zuweilen nur noch "akademisch" sein, das heißt, Theorie um der Theorie willen und ohne Rücksicht auf parteipolitische Zwänge treiben: "Ich sehne mich nach einer Existenz, wo ich der Partei ganz unbefangen gegenüberstehe, durch nichts gebunden oder getrieben als meine Überzeugung. Das würde mir eine innere Ruhe zurückgeben, die ich heute entbehre. Heute leide ich unter dem Gefühl einer doppelten Verantwortung: der des Theoretikers und der des Agitators, und das sind […] zweierlei Dinge."