Von Andreas Eckert

Die Geschichte des deutschen Kolonialismus erfährt nach einer langen Periode des Desinteresses in letzter Zeit wieder größere Aufmerksamkeit. Mit Nachdruck haben neuere Studien darauf hingewiesen, dass die koloniale Erfahrung für die deutsche Geschichte relevanter war, als es die lediglich drei Jahrzehnte dauernde deutsche Kolonialherrschaft in Afrika, der Südsee und in Kiautschou vermuten lassen. Die jüngere Forschung interessiert sich weniger für die Gegebenheiten in den Kolonien. Im Zentrum steht vielmehr die Suche nach den Spuren, die der deutsche Kolonialismus bei den Kolonisierten hinterlassen hat.

Birthe Kundrus geht es darum, koloniale Vorstellungswelten in die Mentalitäts- und Kulturgeschichte des Kaiserreichs zu integrieren. Sie konzentriert sich dabei auf Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia. Als einzige ausgesprochene Siedlungskolonie des Deutschen Reiches entfalteten sich hier Fantasien und Utopien in besonderer Weise. "Deutsch-Südwest" steht zudem für eines der dunkelsten Kapitel des europäischen Kolonialismus in Afrika – den Vernichtungskrieg der kaiserlichen "Schutztruppen" gegen die Herero und Nama zwischen 1904 und 1908. Darauf geht die Untersuchung freilich nur am Rande ein.

Die Autorin kann überzeugend darlegen, dass vor dem Hintergrund der Kolonialherrschaft eine breite Palette brennender Zeitfragen verhandelt wurde: die ausbleibende Gefängnisreform im Reich etwa oder der Gewinn von Staatsbürgerrechten für Frauen. Kolonien und Kolonialismus bildeten zwar, schränkt Kundrus ein, im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Debatten einen "Randschauplatz". Sie waren jedoch keineswegs "diskursive Zwerge im öffentlichen Bewusstsein". Die mit dem kolonialen Besitz verknüpften Pläne und Visionen spiegelten nicht zuletzt Grundanschauungen der bürgerlichen Gesellschaft im Kaiserreich, die zwischen Allmachtsfantasien und Bedrohungsängsten lavierte.

Auch nach ihrem "Verlust" im Ersten Weltkrieg blieben die deutschen Kolonien Objekt diverser Sehnsüchte. Das verdeutlichen einige Beiträge in dem von Birthe Kundrus herausgegebenen Sammelband Phantasiereiche. Dirk van Laak etwa kann zeigen, dass in der Zwischenkriegszeit die "afrikanische Option" eine weitaus stärkere und populärere Bindekraft als gedachter Expansionsraum der Deutschen besaß als der europäische Osten. Die organisierte Kolonialbewegung der Weimarer Republik vermochte indes, wie Christian Rogowski darlegt, koloniale Sehnsüchte nicht immer angemessen zu repräsentieren. Als Beispiel dient ihm die "Hamburger Kolonialwoche" vom August 1926, deren martialisch-chauvinistisches Gepräge von vielen Politikern als unsensibel und vom breiten Publikum als amateurhaft betrachtet wurde.

Insgesamt ist es begrüßenswert, dass mit diesen beiden Büchern die koloniale Erfahrung wieder stärker an die deutsche Geschichte rückgebunden wird. Es bleibt jedoch ein gewisses Unbehagen an der nahezu kompletten Ausblendung der Kolonisierten, die bestenfalls als "Projektionsfläche" vorkommen. Die eigentliche Herausforderung einer "neuen Kolonialgeschichte" besteht gerade darin, Metropole und überseeische Besitzung, Kolonisierende und Kolonisierte gemeinsam zu analysieren und zur Darstellung zu bringen.