Seitdem Boris Jelzin im Spätsommer 1999 einen unscheinbaren Geheimdienstkarrieristen als seinen Nachfolger in die Öffentlichkeit rückte, fesselt eine Frage die Russland-Experten: Wer ist dieser Putin?

Der in Deutschland lebende Journalist Viktor Timtschenko versucht, der Antwort näher zu kommen. Er hat keine Biografie verfasst, sondern liefert in Fleißarbeit aus dem Zeitungsarchiv eine Nacherzählung der russischen Politik der letzten Jahre. In leicht verzopfter Sprache, in der Jelzin natürlich als russischer Bär daherkommt und den einstigen Verbündeten Kuba "wie eine heiße Kartoffel" fallen lässt, schafft Timtschenko einen Überblick über politische Einzelthemen von den Oligarchen bis zum Putin-Kult. Treffende Details und ausrecherchierte neue Erkenntnisse sind selten. Das wäre zu verschmerzen, wenn die Analyse tiefer ginge und die Vielfalt der Information eine bessere Einordnung erführe.

Timtschenko schaut mit positivem Blick auf Putin. Tatsächlich hat der russische Präsident sein gedemütigtes Land vor allem psychologisch erstaunlich schnell stabilisiert und das Selbstbewusstsein der Großmacht erfolgreich wiederhergestellt. Dass die vermeintliche Stabilität jedoch schnell ins Wanken geraten kann, haben zuletzt die Übergriffe einer willfährigen Staatsanwaltschaft gegenüber der Ölfirma Yukos gezeigt. In der Wirtschaft feiert Putin seine größten Erfolge. Die schockhafte Rubelentwertung im Sommer 1998 sowie die hohen Ölpreise halfen ihm kräftig dabei. Seine mutigste Entscheidung traf Putin nach dem 11. September 2001 in der Außenpolitik, als er gegen den Widerstand der konservativen Elite in die Partnerschaft mit den USA einschwenkte.

Der Putinschen Positivliste stehen Versäumnisse und politische Gefahren gegenüber, die der Autor tendenziell als weniger bedeutend einstuft: Die Oligarchie ist keineswegs zerschlagen, der Kampf gegen Korruption und Bürokratie kommt nicht voran. In Tschetschenien geht der Krieg ins vierte Jahr. Der Kreml kontrolliert die wichtigsten Medien und domestiziert das Parlament. Die gesellschaftliche Diskussion und der Wettbewerb der politischen Ideen veröden.

"Ich vermute, wir kennen Putin noch gar nicht", schreibt Timtschenko. Leider fügt sein Buch dem, was wir wissen, wenig Neues hinzu.

π Viktor Timtschenko: Putin und das neue Russland

Verlag Diederichs bei Hugendubel, München 2003; 352 S., 22,– ¤