Von Wolfram Wette

Halb Kriegstagebuch eines einfachen Wehrmachtsoldaten an der Ostfront, halb literarische Verarbeitung des Erlebten: So etwas ist nicht oft überliefert worden. Was dieses Buch zu einer faszinierenden Lektüre macht, sind die Widersprüche, in denen der Autor, ein hoch begabter junger Mann, lebte. Eigentlich hätte er an die Universität gehört oder an den Schreibtisch des Schriftstellers. Aber als Angehöriger des Jahrgangs 1921 hatte er keine Chance, sein eigentliches, von einer pazifistischen Grundeinstellung geprägtes Leben zu gestalten. Er wurde Anfang 1941 zur Wehrmacht eingezogen und nach kurzer Ausbildung in den Krieg an die Ostfront geschickt. Was er an schrecklichem Kriegsalltag erlebte, kennen wir auch aus anderen autobiografischen Zeugnissen.

Was Reese auszeichnete, war seine besondere Gabe, einerseits die Außenwelt, das Kriegsgeschehen um ihn herum, präzise zu beschreiben, und andererseits dabei sich selbst, gleichsam mit dem Blick des Außenstehenden, zu beobachten und die seelischen Veränderungen zu registrieren, die in ihm fast unmerklich vor sich gingen. Er bemerkte mit Schrecken die Deformationen, die Militär und Krieg in ihm anrichteten, und erkannte: Ich wurde "mir selber seltsam fremd". Dieser Prozess der Entfremdung durch den Krieg nahm dramatische Formen an. Sehnte sich Willy Reese anfangs noch nach Hause, zu Eltern und Freunden, weg von den Kameraden, dem Dreck und den alltäglichen Gefahren, so kippte seine Gefühlswelt nach und nach um. Wenn er zu Hause oder im Lazarett war, spürte er seine vollständige Entwurzelung aus dem normalen zivilen Leben – und sehnte sich wieder zurück in den Krieg. Nur noch der extreme Stress des Kampfes, der Kick der allgegenwärtigen Todesgefahr, vermochte die innere Leere zu überspielen. Tatsächlich meldete sich Willy Reese mehrfach freiwillig zurück an die Front, seine neue Heimat. Im Zuge des Großangriffs der Roten Armee im Sommer 1944, der zum Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte führte, der auch die Einheit Reeses angehörte, verliert sich seine Spur: vermisst, gefallen…?

Was von ihm geblieben ist: Das Manuskript eines Schreibsüchtigen, der auch an der Front jede freie Minute nutzte, Erlebnisse und Reflexionen zu notieren, um sie während des Urlaubs in einen Zusammenhang zu bringen. Erst jetzt, sechzig Jahre nach seinem Tode, wurde der Wert dieses Textes erkannt. Der Journalist Stefan Schmitz hat ihn mit kundigen zeitgeschichtlichen und biografischen Kommentaren versehen.

Für Nachgeborene geradezu erschreckend ist die Entdeckung, dass der junge deutsche Bildungsbürger Willy Reese bei allen literarischen Fähigkeiten in politischen Angelegenheiten gänzlich blind war. Nicht ein einziges Mal lesen wir den Namen Hitler, ebenso wenig den eines deutschen oder russischen Generals, geschweige denn eine Analyse des Kriegsgeschehens. Das Töten und Sterben um ihn herum deutete er metaphysisch: Geist, Sterne, Schicksal, Gottes Fügung, übermächtige und unfassbare Kräfte. In einer solchermaßen unverstandenen Welt gab es denn auch keine individuelle Verantwortung, kein Aufbegehren gegen die totalen Zumutungen des Vernichtungskrieges im Osten, nicht einmal den Ansatz von Widerstand. Dennoch haben wir es mit einem Antikriegsbuch zu tun, und zwar insoweit, als es zeigt, wie schnell es unter dem Einfluss von Militär und Krieg zu jenen "Verheerungen der Seele" kommen kann, ja muss, die Willy Reese erschrocken an sich selbst diagnostizierte.

π Willy Peter Reese: Mir selber seltsam fremd