Etwa 6000 deutsche Antifaschisten, vor allem Kommunisten, emigrierten nach 1933 in die Sowjetunion. Sie suchten Schutz vor der Verfolgung und meinten, im "gelobten Land des Sozialismus" teilnehmen zu können am Kampf gegen Hitler. Tausende dieser Emigranten kamen ums Leben in jenen Jahren des stalinistischen Terrors. Einer von denen, die überlebten, der 1917 geborene Wolfgang Ruge, beschreibt in seinem Buch das Purgatorium, das er durchlebte. Kraft, Intelligenz, unbändiger Überlebenswille, immer wieder auch Glück in scheinbar aussichtslosen Situationen ließen ihn durchhalten. Anschaulich berichtet er über die dramatischen Wendungen in diesem Abschnitt seines Lebens. Auf die überschwängliche Erwartung des Jungkommunisten folgten rasche Enttäuschung über die sowjetische Lebenswirklichkeit und zunehmende politische Zweifel. Er erzählt von der Verbannung nach dem deutschen Überfall 1941, der mörderischen Zwangsarbeit in sibirischen Wäldern, dem Dienst in der Lagerverwaltung des kleinen Ortes Sosswa, der "Hauptstadt" einer Region von verstreut liegenden Straflagern im Nordural, und schließlich von der Übersiedlung in die DDR.

Das düstere Bild, das Ruge entwirft, ist gleichwohl nicht starr. In anrührend erzählten Episoden wird eine Vielfalt menschlichen Verhaltens vorgeführt. Eine Fülle von Schicksalen scheint auf, jedes einzelne geschildert in seiner je besonderen Individualität. Wie Menschen sich behaupteten in dieser Welt der Willkür, Gewalt und Korruption - oder an ihr scheiterten -, das zeigt Ruge an vielen Beispielen. Ein bei allem Elend farbiges Panorama eines Lebens am Rande des Abgrunds.

In der DDR arbeitete Ruge, der 1947/48 ein Fernstudium der Geschichte an der Universität Swerdlowsk absolviert hatte, als Historiker an der Akademie der Wissenschaften. Rasch wuchs er zum wichtigsten Interpreten für die Geschichte der Weimarer Republik in der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft der DDR heran. Abteilungsleiter im zentralen Forschungsinstitut, Professor, Nationalpreisträger, Ehrendoktor der Universität Jena sind äußere Stationen einer bemerkenswerten Laufbahn. Schade, dass sein Bericht mit der Rückkehr nach Berlin 1956 endet. Die sich aufdrängende Frage nach dem Verhältnis der beiden grundverschiedenen Abschnitte in diesem Leben bleibt so unbeantwortet.

Wolfgang Ruge: Berlin - Moskau - Sosswa

Stationen einer Emigration; Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2003; 452 S., 29,- Euro