Meist saß er still im Hintergrund. In grauer Strickweste, kariertem baumwollenem Hemd und Filzpantoffeln. Wenn die Aktivisten der russischen Menschenrechtsbewegung in seiner kleinen Moskauer Wohnung unweit des Kursker Bahnhofs heftig über die jüngste politische Entwicklung in Russland diskutierten, neue Strategien erörterten und eng beschriebene Schreibmaschinenseiten mit Informationen über die aktuelle Situation politischer Gefangener in sibirischen oder mordwinischen Lagern und Gefängnissen an die Hand voll westlicher Journalisten verteilten, die sich zu diesen Treffen einfand, ergriff Andrej Sacharow nur selten das Wort. Es genügte, dass er dabei war. Als von allen akzeptierte moralische Instanz, Vordenker und zumindest zeitweilig auch Schutzschild der Dissidenten. Er selbst benutzte diesen vor allem im Ausland verwendeten Begriff für die oppositionellen Regimekritiker allerdings nicht. Er nannte sich schlicht einen "Andersdenkenden".

Dieser stille, sanft wirkende und leicht gebeugt gehende Mann, dessen Händedruck an den einer zarten jungen Frau erinnerte, gilt nicht nur in den Augen vieler Historiker heute als die bedeutendste positive Figur der russischen Geschichte im 20.Jahrhundert. Als genialer Physiker hatte er entscheidenden Anteil an der Entwicklung der HBombe, die die Sowjetunion zur Supermacht erhob und – nach seiner Überzeugung – das "Gleichgewicht des Schreckens" stabilisierte. Als beharrlicher Kämpfer für die bürgerlichen Freiheiten und Menschenrechte in seinem Land wurde er zum "Staatsfeind Nummer eins" auf der internen Liste des KGB und zugleich zum wichtigsten Impulsgeber für eine neue demokratische Gesellschaft in Russland. Aufstieg und Ende der Weltmacht Sowjetunion sind gleichermaßen mit dem Namen Sacharow verbunden.

Richard Lourie, der vor einigen Jahren die Lebenserinnerungen Andrej Sacharows ins Englische übersetzte, hat nun die erste umfassende Biografie des russischen Atomphysikers und Friedensnobelpreisträgers vorgelegt. Das Bild Sacharows, das er dabei zeichnet, ist nicht grundsätzlich neu, aber sehr viel präziser und um unzählige Facetten reicher als bisher bekannt. Naturgemäß hält sich Lourie eng und über weite Strecken an Sacharows eigene Darstellung. Ausführlich zitiert er auch aus dem inzwischen fast unübersehbaren Meer der Sekundärliteratur über die Dissidentenbewegung in der Sowjetunion. Doch gleichzeitig bietet er eine Reihe neuer Quellen: einige bislang unveröffentlichte Briefe Sacharows an seine Familie, Protokollnotizen des KGB, vor allem eine Vielzahl von Gesprächen – mit Jelena Bonner, der Witwe Sacharows, Kindern, Enkeln, Freunden und Kollegen. Die Nähe und das offenkundige Vertrauen, das Lourie bei seinen Gesprächspartnern genoss, lassen ein ebenso intimes wie differenziertes Bild der Persönlichkeit Sacharows, aber auch seines nicht unkomplizierten Familienlebens, seiner Zweifel und Selbstzweifel entstehen. Sehr anschaulich und einfühlsam wird die Entwicklung Sacharows vom "Vater der HBombe" zum kompromisslosen Kämpfer für die Vernichtung aller Atomwaffen, der "furchtbarsten Waffen in der Geschichte der Menschheit" (Sacharow) beschrieben, der Weg der Politisierung des eigentlich unpolitischen Wissenschaftlers.

Dabei geht Lourie weit in die Familiengeschichte Sacharows zurück, dessen männliche Vorfahren zumeist Priester waren und nicht selten in aktiver Opposition zur Zarenherrschaft gestanden hatten. Der Wertekanon Sacharows, das wird deutlich, hatte einen durchaus christlichen Hintergrund. Die von einem seiner Enkel überlieferte Antwort Sacharows auf die Frage, welches der zehn Gebote ihm am schwersten falle, ist ebenso schlicht wie glaubhaft: "Ich habe mit keinem einzigen Probleme."

Zugleich mit dem Persönlichkeitsbild Sacharows zeichnet Lourie das Gemälde einer ganzen Epoche – die Geschichte Russlands und der Sowjetunion im 20. Jahrhundert. Das formale Ende dieser Epoche hat Sacharow nicht mehr erlebt, er starb im Dezember 1989. Doch Lourie hat zweifellos Recht, wenn er feststellt: "Das Russland, das aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion hervorging, ist gewiss nicht das Beste, das Sacharow sich hätte vorstellen können, aber er hätte es an seinen positiven Seiten gemessen."

Die politische Biografie und das politische Lebenswerk Andrej Sacharows sind nicht denkbar ohne Sacharows zweite Frau Jelena Bonner, eine leidenschaftliche Kämpferin für Bürgerfreiheiten und Menschenrechte, deren Mutter fast zwei Jahrzehnte in Stalins Lagern und in der Verbannung verbracht hatte. Sie war, wie es nicht nur russische Freunde gesehen haben, gleichsam der Treibsatz, der den eher in sich gekehrten Wissenschaftler in immer höhere politische Umlaufbahnen steigen ließ; sie ordnete seinen Alltag, knüpfte und hielt die Kontakte zur westlichen Presse, führte Sacharow in weitere Kreise politischer Dissidenten und systemkritischer Künstler ein. Als ausgebildete Ärztin hatte sie ein ständiges wachsames Auge auf den Gesundheitszustand Sacharows, der während seiner Verbannung nach Gorki selbst seinen Körper mit einem Hungerstreik als politische Waffe einsetzte. Dass Lourie manch persönliche Züge der "kantigen" Jelena Bonner eher mit dem Weichzeichner skizziert, mag der Nähe zur Witwe Sacharows als seiner wichtigsten Gesprächsquelle geschuldet sein.

Die Erzählweise Louries ist penibel genau, zuweilen sogar etwas betulich. Und gelegentliche missglückte Ironieversuche ("Als wahre Mutter starb sie am Tag der Frau") und plumpe Simplifizierungen ("Sie tat, was alle Witwen tun") hätte ein aufmerksames Lektorat wohl bereinigen können. Viel bedauerlicher ist, dass Lourie manch europäisches Quellenmaterial unberücksichtigt lässt und auch die Rolle seiner Freunde aus der künstlerischen und geisteswissenschaftlichen Intelligenz – wie etwa Lew Kopelew, Boris Birger und Wladimir Wojnowitsch – weitgehend ausspart.