Von Gregor Schöllgen

Ich übernehme die politische Verantwortung für Fahrlässigkeiten im Zusammenhang mit der Agentenaffäre Guillaume und erkläre meinen Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers." Mit diesen dürren Worten, die Willy Brandt am 5. Mai 1974 auf dem Bonner Venusberg zu Papier brachte und am folgenden Tag dem Bundespräsidenten übergeben ließ, trat zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ein amtierender Kanzler zurück. Deshalb und weil viele – Frauen und Spione, Beamte und Kollegen, Gegner und Neider – ungewollt oder auch nicht am Kanzlersturz beteiligt gewesen sind, ist dem Erklärungs- und Enthüllungsbedürfnis offenbar keine Grenze gesetzt.

Dabei ist der Bericht längst geschrieben, wissen wir seit Arnulf Barings Machtwechsel, also seit 1982, genau, wie sich alles zugetragen hat, wie der DDR-Spion im Persönlichen Büro des Kanzlers landen konnte, wie die Verantwortlichen und Betroffenen, Brandt eingeschlossen, ein Jahr lang mit dem Verdacht gegen Günther Guillaume umgingen, wie sich Brandts Umfeld in den entscheidenden Tagen und Stunden vor dem Rücktritt verhielt, in welchem körperlichen und seelischen Zustand der Kanzler sich befand, als er von der Verhaftung des Spions, aber auch davon erfuhr, dass unter anderem durch Beamte seines Begleitkommandos Informationen über sein Liebesleben zusammengetragen worden waren.

Nein, diese Geschichte müsse "nicht umgeschrieben werden", befindet auch Hermann Schreiber, fügt aber hinzu, dass man sie "neu erzählen" könne. Warum? Hat der Autor neue Quellen? Bietet er eine originelle Interpretation? Was die Quellen angeht, sollte man an das Buch keine Erwartungen haben. Brandt selbst "wollte damals nicht antworten", gab stattdessen lieber Baring die Auskünfte, von denen auch Schreiber zehrt. Also mussten andere Ressourcen her – neben den Rückblicken von Zeitgenossen nicht zuletzt die Erinnerungen und Erlebnisse des Autors selbst, der den Kanzler als Journalist immer wieder aus der Nähe beobachten konnte.

Natürlich hat Schreiber auch schriftliche Quellen ausgewertet beziehungsweise, wie im Falle des Willy-Brandt-Archivs im Archiv der sozialen Demokratie, durch einen Mitarbeiter sichten lassen. Allerdings verschweigt der Autor, dass ihm, wie schon Peter Merseburger und anderen mehr, dort der eigentlich entscheidende, von Willy Brandt selbst gesperrte so genannte Unkeler Bestand nicht zugänglich gewesen ist. Auch spricht es nicht gerade für den Erfolg des "Jägers und Sammlers im Bereich des Faktischen", wenn er sich in der beantwortbaren Frage nach den Ergebnissen der amtlichen Schnüffeleien in Brandts Privatleben an Spekulationen über ein "geheimes Depot mit Papieren" zum Kanzlersturz 1974 beteiligen und seinen Leser mit der Versicherung abspeisen muss: "Wenn noch irgendwo Kopien existieren, dann wird man sie eines Tages kennen lernen." Von einem Buch mit diesem Anspruch erwartet man mehr.

Genau genommen, hat Hermann Schreiber gar kein Buch über Willy Brandt geschrieben, sondern ein biografisches Porträt des Spions, über den dieser stolperte. Das mag erklären, warum Guillaume bei Schreiber recht gut wegkommt, insgesamt besser als Brandt, dessen "Zeit als Bundeskanzler … nicht seine beste Zeit" gewesen sei. "Brandt war durchaus imstande, sich eines Menschen zu bedienen, der ihm gleichgültig war – vorausgesetzt, die Sache oder die Erledigung der Dienstgeschäfte oder auch die Bequemlichkeit gebot es. Das galt keineswegs nur für Guillaume. Ihn rauszuwerfen oder zumindest versetzen zu lassen, hätte … des Kanzlers Bereitschaft, sich zu engagieren, überfordert. Er nahm den Mann in Anspruch, wann immer ihm das in den Kram passte – und verdrängte im Übrigen seine Gegenwart."

Auch deshalb hat Brandt den Verdacht gegen Guillaume lange nicht ernst genommen. Der Spion war ja auch nicht der Grund für seinen Rücktritt, allenfalls der Anlass. Über den wahren Grund erfährt man bei Schreiber wenig. Zu sehr konzentriert er sich auf die minutiöse Rekonstruktion der im Wesentlichen bekannten Vorkommnisse, auf die dilettantischen, fahrlässigen, böswilligen oder auch berechnenden Aktionen seines Umfelds.

"In Wahrheit", hat Willy Brandt später einmal vor laufender Kamera gesagt, "war ich kaputt, aus Gründen, die gar nichts mit dem Vorgang zu tun hatten, um den es damals ging." Was spricht dagegen, ihn wörtlich zu nehmen? Wenn man wissen will, warum Willy Brandt zurücktrat, muss man sich mit seiner Biografie befassen, die auch ein Leidensweg gewesen ist, wie ihn kein zweiter Kanzler vor oder nach ihm hat zurücklegen müssen.

π Hermann Schreiber: Kanzlersturz Warum Willy Brandt zurücktrat; Econ Verlag, München 2003; 272 S., 22,– ¤