Brüssel

Im Brüsseler Alltagsgeschäft sind sie das Antlitz Spaniens: Ana Palacio, 55 Jahre alt, und ihre Schwester Loyola de Palacio, zwei Jahre jünger. Die eine Außenministerin ihres Landes, die andere EU-Kommissarin für die Schlüsselressorts Verkehr und Energie und Vizepräsidentin der Brüsseler Behörde. Ana Palacio profilierte sich zuvor acht Jahre lang als engagierte Rechtspolitikerin im Europäischen Parlament, Schwester Loyola war vor ihrer Brüsseler Zeit eine höchst energische Landwirtschaftsministerin und erbitterte Kontrahentin ihres heutigen Kollegen Franz Fischler, dem sie einst mit geschmeidiger Härte eine höhere Olivenölquote für ihr Land abhandelte.

"Aznars kleine Soldatin" ist seither Loyolas Spitzname, und auch als Kommissarin macht sie ihm gelegentlich Ehre. Das Wort verrät viel über die politische Klasse Spaniens, wo eine Frau gegen den Machismo wohl nur auf Befehl von ganz oben durchzusetzen ist. Ist Gehorsam dafür die Gegenleistung? Kaum im Amt, geißelte Ana Palacio, die Außenministerin, schon "die Nostalgie der EU-Gründungsmitglieder" und den angeblichen Versuch der Franzosen und Deutschen, "die Union zu kapern". Ihre Regierung war eine der federführenden, als in der Irak-Krise der "Brief der acht" verfasst wurde, mit den Briten, gegen Deutsche und Franzosen. Sie rasselte kurz vor Kriegsbeginn im UN-Sicherheitsrat am lautesten mit dem Säbel, auch wenn ihr Land nicht einen einzigen Soldaten stellte.

Derweil legte sich ihre Schwester Loyola mit den Deutschen an und drohte der Berliner Regierung wegen des geplanten Mautsystems und seiner Finanzierung mit dem Luxemburger Gerichtshof. Verschanzen sich da zwei deutschlandfeindliche Schwestern in herausgehobener europäischer Stellung? Wenn dieser Eindruck bloß nicht täuscht – und bei näherem Betrachten einfach das Antlitz eines neuen Spaniens zum Vorschein kommt.

Beide Schwestern studierten die Rechte – erst an der Madrider Universität Complutense, dann in der Politik im konservativen Partido Popular. Beide pochen auf den Grundsatz "Gleiches Recht für alle", jedenfalls im Konzert der Nationen. In ihren Augen bestimmen die Staaten und Regierungen in dieser Europäischen Union. Spanien oder Europa, das ist so besehen kein Gegensatz, weil dieses Europa ohne Staaten und ohne Spanien einfach nicht ist, nicht sein, nichts werden kann. Die beste Art, Europa zu bauen, sei die Verteidigung der Interessen Spaniens, gab Loyola de Palacio vor vier Jahren als Kommissarin in spe bei ihrer Anhörung vor dem Europäischen Parlament zu Protokoll, auf Spanisch, der einzigen Sprache, die sie seither im Brüsseler Alltag verwendet. Das Credo kam ihr mit größter Selbstverständlichkeit über die Lippen.

Von ihrer vielsprachigen und weltgewandten Schwester war derlei jahrelang kaum zu hören – bis sie von Regierungschef José María Aznar im Juni 2002 überraschend zur Außenministerin berufen wurde. War es Machtferne und innere Freiheit einer Europa-Abgeordneten, oder gefiel sie sich einfach im Kostüm der Intellektuellen, der angesehenen Rechtswissenschaftlerin? Ihre Unabhängigkeit machte jedenfalls die Parlamentarierin Ana Palacio zur auffälligen, ja gefälligen Erscheinung zwischen Straßburg und Brüssel. Scharfe Töne schlug die Politikerin erst an, als sie den Ritterschlag zur Ministerin empfangen hatte. Mancher Kollege aus dem EU-Parlament quittierte das mit Kopfschütteln: Ein bisschen mehr Rückgrat und weniger "kleinkarierten Nationalismus" hätte man sich schon erhofft, sagt ein Abgeordneter und Palacio-Kenner (kein Spanier).

Giftpfeile gen Paris, London und Berlin

Monatelang hatte Ana Palacio ihr Land im Präsidium des Verfassungskonvents vertreten, und keiner hätte ihr einfach vorwerfen wollen, da spräche nur die Stimme Madrids. Das änderte sich schlagartig, als sie in diesem Sommer zum Abschluss des Konvents unverhohlen drohte, Spanien könne sich mit dem Ergebnis nicht anfreunden und fordere Nachbesserung während der kommenden Regierungskonferenz. Im Wall Street Journal sah die Ministerin zur selben Zeit dieses Europa "auf dem Weg in die Megalokratie". Das gemeinsame Unternehmen drohe "in die Hand der größten Mitgliedsstaaten zu fallen": Drei davon genügten – "darunter zwangsläufig dasjenige mit der größten Bevölkerung" –, und schon könnte diese Minderheit alles blockieren.