Das ist also die Art von Schlampe, die jeder will. Peaches, "the kind of bitch that you wanna be with", (Peaches über Peaches), trägt pinkfarbene Hot Pants, weiße Stiefel und enge Siebziger-Jahre-Halsbänder. Sie spielt auf der Bühne mit Dildos und anderen Sex-Toys, bittet die Zuschauer, ihren crotch zu fotografieren – ihren Schritt –, um die Fotos später in ihrer crotch gallery online auszustellen. Außerdem singt Peaches – natürlich über Sex. (Fast) ausschließlich. Peaches - die Fans mögen ihre sexuelle Energie

Das war schon auf The Teaches of Peaches so, dem ersten Album der 36-jährigen Kanadierin, das vor drei Jahren auf dem Berliner Label Kitty Yo erschien und – zumindest in Städten mit existenter Subkultur – gewisse Underground-Hits hervorbrachte. Das ist auch auf der soeben erschienenen CD Fatherfucker nicht anders. Peaches singt über Sex mit vielen ("I, you, she, together, come on, baby let’s go!"), Sex mit einem ("Why don’t you stuff me up?"), sie gibt freundliche Tipps für boys and girls ("Eat a cookie and a big dick every day, eat a cookie and a big clit every day") . Der Unterschied: Jetzt hören alle hin.

Madonna hört Peaches

Die Frau, die Rap mit Punk kreuzt und in ihrer starken, schönen Rockerbraut-Tonlage unverblümt Bettangebote macht, ist der Liebling der Woche im Trendgeschäft. Madonna, die Queen Mum of Sex and Music, wurde angeblich von ihrem schwulen Friseur an die Musik herangeführt – seitdem macht sie ihre Sit-ups zum Peaches-Stück Lovertits. Peaches’ Songs laufen auf großen Modenshows, und zu ihrer eigenen Verwunderung hat Karl Lagerfeld sie fotografiert. Iggy Pop, würdiger Altpunk mit raw power- Appeal, hat sogar ein Duett mit Peaches aufgenommen. Es ist einer der stärkeren Songs der neuen Platte: Die beiden schreien sich über ein paar eingängige Gitarrenriffs an, tauschen sich über Sexualpraktiken aus und über Schambehaarung – eindeutig ein Lieblingsthema von Peaches.

An der Originalität der Musik kann es kaum liegen, dass Fräulein Peaches, die sich nach einer Figur aus einem Nina-Simone-Song benannt hat, plötzlich Jedermanns Darling zu sein scheint. Ihre Songs reduzieren sich oft auf bloßen Rhythmus aus der Maschine, hin und wieder simple, gerade Gitarrenriffs, mal eine elektronische Basslinie, dazu größtenteils Sprechgesang, im Duett oder allein, und eine Menge (wo)manpower. Elektro-Clash könnte man dazu sagen, oder Disco-Punk – Heimstudio-Experiment meets Rock-’n’-Roll-Hall. Es gab und gibt Fans solcher Musik, aus den bekannten Nischen hat sie sich dennoch selten herausbewegt. Und tut es jetzt doch: Die kleine, zarte, dunkel gelockte Ex-Kinder-Musiklehrerin mit den misstrauischen Augen, deren richtiger Name Merrill Nisker lautet, präsentiert ihre aktive Bisexualität, untermalt von banalen Rhythmen, lauthals einem weitaus größeren Publikum. Dazu gehört auch ihr Kampf gegen das mysteriöse, nordamerikanische Körperbehaarungs-Tabu.

Unrasierte Achselhöhlen sind im damenhygienisch gefestigten, sauber rasierten und epilierten Nordamerika seit Jahrzehnten gefürchtet. Als Patti Smith ihre zart beflaumten Achseln 1978 auf dem Cover von Easter entblößte, war das ein Affront gegen den herrschenden Geschmack. In Titanic zeigt Leonardo DiCaprio der Liebsten seine Skizzen aus Frankreich, und als kleinen, bösen Seitenhieb hat Regisseur Cameron dem französischen Modell auf dem Bild Achselhaare malen lassen, hingestrichelt mit dickem Kohlestift.

Deutschland zupft zwar eifrig nach, doch ein Tabubruch ist die künstlerische Auseinandersetzung hier nicht, zu stark pocht die Frauenbewegung auf ihr Recht auf natürlichen Wildwuchs und zu egal ist vielen Frauen und Männern diese Frage, die sie ohnehin eher im Stil- als im Hygienebereich ansiedeln. Die Aussagekraft dieser semisexuellen Details, mit der Peaches ihre Musik und ihre Person spickt, kommt aus einer typisch nordamerikanischen Tradition.

So auch ihr Spiel mit den sexuellen Symbolen. In der Stadt, der Peaches vor drei Jahren zugunsten Berlins den Rücken kehrte, ist sie seit langem bekannt. Das freundliche, kanadische Toronto ist trotz all seiner Charakteristika und allamerikanischen Absurditäten ein echter melting pot von Völkern, Farben und Kulturen. Eine große alternative Musik-Szene vermischt sich dort an vielen Ecken problemlos und berührungsmutig mit der bunten, selbstbewussten schwul-lesbischen Community. Auf so genannten Burlesque Parties strippen stolze Frauen zu kruder Fünziger-Jahre-Musik, und Peaches trat dort vor begeisterten Heteros, Schwulen und Lesben in Shows auf, bei denen sich Frauen mit Dildos und Männer mit Strapsen auf der Bühne trafen, um die Party zu starten.