Nein, kein leises Servus von Sinead O'Connor, der irischen Rose, die zu Beginn des Sommers verkündet hatte, sie werde sich aus dem Musikgeschäft zurückziehen, um künftig "ein normales Leben zu führen". Ihr letztes musikalisches Lebenszeichen trägt den Titel She Who Dwells in the Secret Place of the Most High Will Abide Under the Shadow of the Almighty (Hummingbird/Roadrunner), besteht aus zwei CDs mit mehr als 145 Minuten Spielzeit und beginnt - dem einem biblischen Psalm entliehenen Albumtitel angemessen - mit spirituellen Harmonien, einem lateinischen Text und einem Lobgesang auf das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit. Halleluja!

Weltenalter scheinen vergangen, seit dieselbe Sinead O'Connor im amerikanischen Fernsehen ein Bild des Papstes zerfetzte. Provokant waren ihre Lieder damals, späte Abkömmlinge des Punk, anklagend in ihrer Zerbrechlichkeit und Wut. Ein Identifikationsangebot an alle gefallenen Mädchen, Opfer häuslicher Gewalt, Rebellinnen wider Moral und Kirche, an das vornehmlich die erste CD von She Who Dwells ... erinnert. Reggae, Rock, Folk und sogar ein Abba-Song kommen auf dieser Sammlung rarer und unveröffentlichter Titel zusammen, um mit jedwedem Stil die zweifache Mutter als erlösergleiche Gestalt zu etablieren, die stellvertretend das Leid der Welt zu tragen hat.

Exemplarisch für diese Überhöhung des privaten Kummers steht Nothing Compares 2 U, der Smash Hit mit den echten Tränen im Video. Die Ballade, von Prince ursprünglich einmal als schlichtes Liebeslied gemeint, zeigte zum Zeitpunkt ihres Erscheinens das Problemkind als Heilige, als kahl geschorene Madonnenerscheinung, die Spiritualitätssehnsüchte mit postfeministischer Kritik versöhnte. Hier bildet sie den Höhepunkt der zweiten CD, auf der einer ihrer letzten Auftritte dokumentiert wird - wobei von einem normalen Konzert kaum die Rede sein kann. Es handelt sich vielmehr um eine Art Gottesdienst, eine Pop-Andacht, bei der das Publikum still lauscht, als wohne es einer Seligsprechung bei. Die fünf gänzlich neuen Songs von CD eins vollenden diese Transformation. Mit traditionellen irischen Weisen und kirchlichen Melodien versichert sich O'Connor ihrer Wurzeln - und weist deren Verschmelzung zugleich als heilbringende Lösung aus. Der Kreis schließt sich, danach kann nichts mehr kommen. Vor Jahren schon ist Sinead O'Connor reumütig in den Schoß der Kirche zurückgekehrt, mit der Presse sprach sie schon lange nicht mehr. Nun hat sie sich endgültig aus ihrem alten Leben verabschiedet. Sinead O'Connor, wie wir sie kennen, wurde 36 Jahre alt.