Darf man sagen, es war ein Logenplatz? Es war natürlich ein Exil, der Fluchtpunkt am Rande der Welt-Katastrophe, ein verzweifeltes Ausharren, hilflos gegenüber der routinierten Menschenvernichtung, aber doch auch dies: Besuch einer höchst amüsanten und anregenden Kulturveranstaltung mit dem Titel "Nachdenken in Hampstead". Elias Canetti emigrierte 1938 über Paris nach England. Was er dort erlebte, zeitweise auf dem Land lebend (nach Oxford eine Stunde!), dann im idyllischen Vorort, wo die englische Intelligenz in der Parklandschaft des Heath weit ausschritt und abends mit Blick auf The Blitz die stimulierendsten Gesellschaften abhielt, das deutet der kleine Band aus dem Nachlass des großen Autors nur an. Es sind Erinnerungen eines alten Mannes, unvollendet geblieben in den Jahren der Niederschrift kurz vor seinem Tod im Jahre 1994, dann posthum ediert als Porträtgalerie. Hier finden sich Studien von Berühmtheiten sowie Skizzen vom Straßenkehrer oder eines alten Rhododendronzüchters, wahlweise des Schneckenexperten oder von Salondamen, nicht zuletzt böse infame Karikaturen, wie die seiner einstigen Geliebten, der Autorin Iris Murdoch, oder des Dichters T. S. Eliot. Er nennt ihn: "dünnlippig, kaltherzig, frühalt".

Canetti liebte England. Seine Liebe war von einer schwärmerischen, fast demütigen Art, angeregt durch seinen Vater, der während eines zweijährigen Aufenthaltes in London dem Sohn die ersten englischen Bücher in die Hand drückte, "wenn es je etwas gab, worüber ich Glück empfand, so waren es die Bücher, die mir der Vater brachte", heißt es ein Leben später. Geschichten aus Shakespeare, auch Robinson Crusoe. "Ich spreche Gedichte von Blake, die mir mehr bedeuten als alles, was ich selbst (in) Deutsch kenne", wird er, der gefeierte deutschsprachige Autor, Nobelpreisträger, Philosoph, am Ende des Jahrhunderts sagen. England, schreibt Canetti, der nach dem frühen Tod des Vaters als Halbwaise aufwuchs, England "wurde zum moralischen Fundus meines Lebens", er habe sein ganzes späteres Leben "nach den Menschen gesucht, die diesem Bild entsprachen". Mehr als einmal sei er "nahe daran" gewesen, "in einer solchen Begegnung wiedergeboren zu werden". Nahe dran. Nicht mehr.

Er verkehrt bei der Dichterin Kathleen Raine, er sitzt zu Tisch mit Enoch Powell, er trifft sich mit dem Adel, die Warburg Library gewährt ihm jeden Bücherwunsch. Aber es hilft nichts. Canetti grollt. Man begegnet ihm mit vollendeter Höflichkeit, aber was heißt das schon in einem Land, in dem sich Überlegenheit gerade darin zeigt, dass man sich bedeckt hält, die eigene Macht verschleiert, mit anderen Worten, die subtilste Form des Hochmuts zelebriert? Kaum jemand hat ihn gelesen. Das ist nicht zu ändern. Und wäre es anders, er müsste sich gebärden, als sei er niemand! Canetti seziert mit scharfem Besteck das Menuett britischer Geselligkeit, die vorsichtigen Schritte aufeinander zu, der geschickte Rückzug. "Alle Abstände, die Menschen um sich geschaffen haben, sind von dieser Berührungsfurcht diktiert", wird er in Masse und Macht formulieren, seinem politisch-anthropologischen Lebenswerk, an dem er in jenen Jahren arbeitete. "Die Abneigung vor Berührung verläßt uns auch nicht, wenn wir unter Leute gehen."

Er nennt die Londoner Partys wütend "Nichtberührungsfeste". Er beschreibt – und dafür lohnt es die Lektüre – das stoische Leben unter der Bombendrohung nicht ohne Komik, und schreibt doch so ohne jene Leichtigkeit, mit der diese Gesellschaft sich amüsiert ihrer Souveränität versichert, also auch da eine kleine Niederlage Canettis. Ob er sich ihrer bewusst war?

Einige dieser Porträts sind glänzende Inszenierungen, unvergesslich der Auftritt Bertrand Russells, mit einer geschliffenen Rede in der Diktion des 18. Jahrhunderts und "dem Lachen eines Geißbocks, so wild und gefährlich, daß man darüber erschrak". Abgang des Achtzigjährigen mit der schönsten Frau des Abends, einer Zwanzigjährigen, und "während dieses Abgangs lachte er immer weiter, sie aber schien schöner mit jedem Schritt". Andere Porträts aber lesen sich, als wolle Canetti Rache üben.

"Ich will mich vom Überfluss an englischen Figuren befreien", hatte er als Programm ausgegeben. Er rückt seine Personen erzählerisch in eine Distanz, die auch die seine ist und aus der sie wie seltsame Insekten aufglühen (was sie womöglich geschätzt hätten). Ein gewagtes Spiel. Denn als merkwürdigstes Subjekt erscheint natürlich jenes, das mit Nölton das Prinzchen im Autor verrät, welches so lange Mutters Augapfel war, der wundervollsten, klügsten aller Damen, und das später gern an Frauen rummäkelt, übrigens nie so gnadenlos wie im Stück über die Geliebte Iris Murdoch. Man hätte sich gewünscht, jemand hätte ihn da vor sich selbst bewahrt. Zu spät!