Die kulturwissenschaftliche Wende in der Geschichtswissenschaft hat bald alle Eigenschaften historisiert, die wir dem Menschen von Natur aus zuschreiben: die Gesten und Gebärden, die Kindheit und den Tod, den Körper und die Seele, die Liebe und das Leid, das Hören und das Sehen, also alle Regungen und Bewegungen, die wir gern für unmittelbar gegeben halten, sind ihr bedingt und geleitet von Zwecken und Interessen, die sich aus historischen Umständen ergeben haben.

Die Anthropologie ist nur noch als Historische Anthropologie denkbar: dies der Titel einer neueren Zeitschrift, die der Basler Historiker Valentin Groebner mit herausgibt. Er hat jetzt die Gewalt zum Thema eines schmalen, aber reichhaltigen Buches gemacht. Das Spätmittelalter, auf das sich die Untersuchung konzentriert, hat die künstlerischen Mittel entwickelt, Gewaltakte zu verbildlichen, und diese Epoche gilt als eine von barbarischer, roher Gewalt beherrschte Zeit, die erst durch die sozialen Disziplinierungsleistungen des modernen Staates überwunden worden wäre. Durch einige Einblendungen heutiger Gewaltszenen macht Groebner bewusst, dass wir demnach das Mittelalter noch nicht hinter uns gelassen hätten. Groebner versteht Kulturwissenschaft so, dass Phänomene nicht auf "das jeweils aktuelle Repertoire akademischer Zauberworte" hin gedeutet, sondern als ein Repertoire von Instrumenten verstanden werden, "das die Menschen für ihre eigenen (und gewöhnlich handfesten) Zwecke verwendet haben".

In einem ersten Zugang wird die mittelalterliche Stadt, die sich gerne als befriedeter Rechtsraum verstand, als Flickenteppich topografischer Reservate beschrieben, in denen Herrschaft durch bauliche und bildliche Zeichen signalisiert wurde. Die unsichtbaren Machtmechanismen arbeiteten mit informellen rechtlichen Regelungen, die niemandem zugänglich waren, während allenthalben an Wänden, Brunnen oder Nischen die Wappen, Symboltiere oder mythischen Figuren den Parteien die Grenzen der Bewegungsfreiheit sichtbar hielten.

Groebner weist freilich immer auch auf die Möglichkeit hin, dass all diese Zeichen verkehrt, gefälscht, dass Wappen beseitigt, falsche Nachrichten und Boten eingesetzt, verschwörerische Verwechslungen einer Gegengewalt verfügbar gemacht werden konnten. Das zentrale Kapitel des Buches behandelt eine besondere Form privater Gewaltausübung, die Angriffe auf das Gesicht des Gegners, durch die dieser unkenntlich oder zum Träger eines Zeichens deformiert, also, wie es damals hieß, eine "Ungestalt" wird.

Das besondere Augenmerk gilt dem Angriff auf die Nase, der besonders Männern gegenüber untreuen Ehefrauen zustand oder Ehefrauen, wenn sie Nebenbuhlerinnen zeichnen wollten. Durch die denasatio, das Abschneiden der Nase, für die Groebner eine Masse eindrucksvoller Zeugnisse beibringt, wurde der Sündenmakel des Ehebruchs und der Homosexualität dem Gesicht eingezeichnet, wurde der unsichtbare illegitime Geschlechtsverkehr offenkundig gemacht, das soziale Kapital der Ehre beschnitten, ein Kastrationsakt symbolisiert. Mit der Nase verlor der Mensch sein Gesicht, war er "ein gantz ungestalt". Deutungsbedürftig wäre, warum offenbar keine Bilder dieser anonymisierten Wesen beigebracht werden können.

Ob die geschundenen, blutenden Kruzifixe, die den gemarterten Körper Christi allenthalben als "Zentrum der christlichen Sehkultur" darboten, geeignet sind, gesellschaftliche Gewaltverhältnisse statt soteriologische Bedürfnisse zu belegen, wird gewiss von den betroffenen Fachvertretern diskutiert werden. Nach Groebner hat der durch die Kruzifixe als Wahrheitszeichen propagierte blutige Männerkörper sich dem Gefühlshaushalt der Menschen so eingeprägt, dass noch heute eindrückliche Filmszenen ohne ihn nicht auskommen.

Gute Belege bringt Groebner dafür bei, dass spätmittelalterliche Strafrituale und Hinrichtungen in Passionsspiele und Bilder der Kreuzigung hineinprojiziert werden konnten. Auch hierbei entstehen "Risiken der Bedeutungszuweisung", indem etwa auf den Bühnen der Passionsspiele allerlei Umkehrungen, Fälschungen oder, in Luthers Worten, "bescheißereyen" stattfanden; es waren "beunruhigende Potentiale", die in den beliebten Auftritten des Antichrist sozusagen authentisch verkörpert sein konnten.

Die Lektüre des Buches bereitet, paradoxerweise, Vergnügen. Wenn man nicht immer den Faden erkennt, der von den realen und ikonischen Fakten, die in den verschiedenen Kapiteln ausgebreitet werden, zu einer "visuellen Kultur" führt, dann liegt das wohl an einer Geschichtsschreibung, "die gerade dabei ist, sich als Kulturwissenschaft neu zu erfinden", und das heißt offenbar: zu wissen, dass geschichtliche Phänomene vielschichtig sind und von vielen Seiten besichtigt sein wollen.