Von Andreas Isenschmid

Es gibt Augenblicke, in denen man diese Biografie des Dichters Ossip Mandelstam vor Schmerz beinahe zur Seite legen muss. Und es gibt Augenblicke, in denen man bei der Lektüre vor Glück die Verse, die der Verfasser so ausgiebig zitiert, fast singen möchte. Der schmerzhafteste Moment ist ohne Zweifel die Schilderung von Mandelstams elendem Tod. Kurz vor seinem achtundvierzigsten Geburtstag starb er am 27. September 1938 in einem Durchgangslager des Gulag bei Wladiwostok, unterwegs zu fünf Jahren Arbeitslager. Zur Sterbeszene sagt der Biograf Ralph Dutli zu Recht: "Es ist eine Szene, die aus Dantes Inferno stammen könnte, aus dem für Mandelstam wichtigsten Buch."

Vierzig Minuten hatten die vom Flecktyphus befallenen Gefangenen der Baracke 11 bei tiefsten Frosttemperaturen nackt im Vorraum eines Waschhauses ausharren müssen, die Kleider mussten sie für eine Desinfektions- und Entlausungsmaßnahme in den Hitzeraum reichen. "Als die Wäsche-Desinfizierung abgeschlossen war, wurde die Tür der Hitzekammer aufgerisssen und ein stechender Schwefelgeruch drang heraus. In dem Moment habe Mandelstam noch ein paar Schritte gemacht, den Kopf in den Nacken geworfen, sich ans Herz gegriffen und sei dann zusammengebrochen."

Noch nie ist einem deutschen Publikum dieser Tod und jede Einzelheit des Weges zu ihm so genau und so taktvoll, so kenntnis- und ideenreich beschrieben worden wie in Dutlis Biografie. Wir kennen, wenn wir bei der Sterbeszene ankommen, Mandelstams so verschlungenes Verhältnis zum Tod. Wir wissen, dass schon der vierundzwanzigjährige Mandelstam anlässlich von Skrjabins Tod geschrieben hat: "Mir scheint, man dürfe den Tod eines Künstlers nicht von der Kette seiner schöpferischen Leistungen ausschließen, sondern müsse ihn vielmehr als das letzte, das Schlußglied der Kette betrachten."

Wir kennen die Verse, in denen Marina Zwetajewa, mit welcher der fünfundzwanzigjährige Mandelstam eine heftige Liebe erlebte, noch vor der Revolution Mandelstams Verhaftung vorausgesehen hat: "Mit nackten Händen packen sie dich – Starrkopf! Gehetzt! / Von deinem Schreien wird die Nacht weithin hallen!"

Vor allem wissen wir, dass Mandelstam auf diesen Tod, den er so fürchtete, genauso hingesteuert hat wie das bolschewistische und stalinistische System, das diesen Dichter von allem Anfang an durch endlose Schikanen um Ruhe, Glück und Leben gebracht hat. Wiederum war es Marina Zwetajewa, die Mandelstams Wesen, das unvermeidlich zur Kollision mit dem so anderen System führen musste, früh erfasst hat: "Hier muß ich beifügen, daß Mandelstam von überall – seis vom Friedhof, vom Spaziergang, vom Jahrmarkt – immer nach Hause wollte. Und immer eher als der andere. Und von zu Hause unabänderlich – immer fort. Ich glaube, daß er, wenn er nicht schrieb (und nicht schrieb er – immer, das heißt: einmal in drei Monaten ein Gedicht) – sich schwertat. Mandelstam konnte ohne Gedichte auf dieser Welt nicht dasitzen, nicht gehen – nicht leben."

Das klingt nach Unglück und war doch so oft und in den unwahrscheinlichsten Situationen das Gegenteil. Mandelstam besaß ein Talent, in der Tiefe der Verzweiflung seine Heiterkeit wiederzufinden. Dutli folgt hellhörig und mit spürbarer, aber nie überschießender Empathie Mandelstams Willen zur Intensität und zu ihrem lyrischen Ausdruck. Er zeigt, wie schwer es Mandelstam sich und anderen mit seinem überaus chaotischen und eigensinnigen Freiheitsstreben machte. Und er führt uns zu den Abschnitten eksta- tischen Glücks, die in diesem Leben nicht minder zahlreich sind als die Zeiten der Niedergeschlagenheit. Am stärksten spürbar wird dieses Glück wohl in Dutlis Schilderung der Reise nach Armenien, auf der Mandelstam nach fünfjährigem krisenhaftem Schweigen seine Sinne und seine lyrische Stimme wiederfand. Auf sie folgte das armenische Reisebild, nicht umsonst Bruce Chatwins Lieblingsbuch, und bald darauf das Gespräch über Dante, Mandelstams wichtigster und schönster Essay.