Von Helga Hirsch

Die Idee kam von der Körber-Stiftung Hamburg: Nach über 30 Jahren Erfahrung mit Geschichtswettbewerben in Deutschland sollten sich im Rahmen von "Eustory" auch in anderen europäischen Staaten Jugendliche auf historische Spurensuche begeben und sich in einer Mischung aus Oral History, Quellenstudium und Sekundärliteratur die Vergangenheit ihres eigenen Umfeldes erarbeiten. Im September 2001 mit Vertretern aus vierzehn Staaten, vor allem aus Mittel- und Osteuropa, aus der Taufe gehoben, erreicht Eustory inzwischen Jugendliche in sechzehn Staaten – und mit dem Sammelband Russlands Gedächtnis liegen erstmals Arbeiten aus dem einst kommunistischen Machtbereich vor.

"Der Mensch in der Geschichte. Russland im 20. Jahrhundert" hatte die Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial als Thema der Schülerwettbewerbe in den Jahren 1999 bis 2002 vorgegeben. 15- bis 17-jährige Schüler sollten über den sowjetischen Alltag recherchieren, an den sie selbst keine bewussten Erinnerungen mehr besitzen.

Das Ergebnis war überraschend: Nicht nur, dass die Zahl von 8000 Arbeiten aus Sibirien, dem Fernen Osten, aus dem Nordkaukasus, dem Ural, aus großen Städten und entlegenen Siedlungen die Erwartungen der Initiatoren weit überstieg. Erstaunlich auch, wie durchgängig sich die Schüler ihre Protagonisten außerhalb der Sphäre offizieller Helden und sowjetischer Sieger aussuchten: Sie wählten "einfache" Leute, Großeltern, Eltern, Freunde, Bekannte. Kritische Geister, die sich der völligen Anpassung entzogen, sich durch Verfolgung nicht brechen ließen, ihrer ethnischen Tradition die Treue hielten oder sich trotz sozialer Ausgrenzung behaupteten.

Wie beispielsweise Schura Tichantschenko, Jahrgang 1937, der sich mit fünf Jahren an den Kriegsfronten auf die Suche nach seinem gefallenen Vater machte, um dann – nach der Einlieferung in ein Kinderheim – in eine Außenseiterexistenz zu gleiten. "Das Waisenleben endet eben nicht im Kinderheim", weiß schon der 17-jährige Kirill Sawodjuk, der mit Schura Tichantschenko einen Freund seines Vaters beschreibt. "Dort beginnt es nur." Und wo endet es? In erniedrigender, schlecht bezahlter Arbeit, in gesellschaftlicher Isolation. "Keiner von ihnen ist das geworden, was er hätte werden können. Auch geheiratet haben sie nur, um irgendwo dazuzugehören. Fast keiner ist glücklich in seiner Ehe."

Zwar sind nur fünfzehn Arbeiten in dem Sammelband vereint. Aber schon diese relativ kleine Auswahl spiegelt die verschiedensten Aspekte staatlichen Drucks und staatlicher Willkür in der Sowjetzeit wider. Am Beispiel einer tschuktschenischen Rentierzüchterin werden die Methoden zur Zwangsassimilierung erkennbar; zwei Familiengeschichten schildern die Folgen der "Entkulakisierung" in der Verbannung; dank des schonungslosen Tagebuches eines Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg wird die gängige Verherrlichung des Großen Vaterländischen Krieges entkräftet.

Mag aus manchen Berichten auch eine gewisse Naivität aufgrund mangelnder Lebenserfahrung sprechen, vermögen sich die Schüler, die schon im posttotalitären Alltag aufwuchsen, das Ausmaß mancher Tragödien auch nicht vollständig vorzustellen: Indem sie jene zum Reden brachten, die lange geschwiegen haben, entdeckten sie einen Teil sowjetischer Geschichte, der ihnen Mut machte. Sie fanden Vorbilder, für die sie Respekt und Sympathie entwickelten, und erlebten das Individuum als Sand im Getriebe des großen historischen Prozesses. "Ich wollte zeigen", schreibt Timur Galiullin, geboren im Jahr 1984, "dass der Mensch die wichtigste Figur in der Geschichte ist. In vielem wird das Resultat des Jahrhunderts davon abhängen, wie viele solcher Menschen in ihm leben, die imstande sind, ihr menschliches Ich zu bewahren."