Wenn man die Geschichte chronologisch erzählt, klingt sie ganz einfach. Zunächst war da das Kaspische Meer, östlich davon war Wüste. Dann kam Stalin mit seinen Bewässerungsplänen. Man muss sich optimistische Wasserbauingenieure vorstellen, wie sie mit spitzem Rotstift Kanäle durch die Sowjetunion ziehen, und Hunderttausende Zwangsarbeiter, wie sie in einer 50 Grad heißen Hölle Sand schaufeln. Dann folgen Jubelreden auf den siegreichen Sozialismus, währenddessen verdunstet das Wasser schon schneller, noch im Moment des Triumphes beginnen die neuen Kanäle zu versanden, erst stirbt Stalin, dann erweisen sich seine Pläne als Katastrophe, und schließlich verschwindet die Sowjetunion von der Landkarte. Zurück bleiben das Meer, die Wüste und der Morast.

Die Geschichte ist natürlich viel komplizierter. Im Delta der postrevolutionären UdSSR strömten politische Hoffnungen und blanker Despotismus, hehre und niedere Beweggründe zusammen, binnen kürzester Zeit bildete sich ein moralischer Sumpf, der zu Lebzeiten des Staatssozialismus nicht mehr trockenzulegen war. Chruschtschow machte einen halbherzigen Versuch, Gorbatschow kam sechzig Jahre zu spät, den Nachgeborenen bleibt es überlassen, das Problem zu kartieren.

Der niederländische Journalist und Hydrotechnologe Frank Westerman hat es gewagt, das Wesen des Stalinismus anhand seiner Wasserbauwerke zu beschreiben. Er setzt die Gigantomanie der Technokraten und den Totalitarismus der Regierenden ins Verhältnis, als Tertium Comparationis benutzt er die sowjetische Gegenwartsliteratur. Dass Westerman als Reporter über Geschichte schreibt, ist der Fluch seines Buches. Er überschüttet den Leser mit einem Berg an wichtigen und unwichtigen Fakten (der Holzfußboden des Gorkij-Museums knarrt), erhellenden und überflüssigen Beobachtungen (Gorkij trägt ein usbekisches Käppchen), halbgaren Deutungen und peinlichen Selbstauskünften ("mir lief ein Schauer über den Rücken"). Die ersten Kapitel von Ingenieure der Seele sind deshalb stellenweise unlesbar. Aber Seite um Seite erschließt sich ein weit verzweigtes System aus Wasserstraßen, Gulags und Chemiestandorten. Der Autor führt uns ins kryptokommunistische Aschchabad und ins spätfeudale Turkmenbaschi, er erklärt uns Trinkwasserpreise und fährt ohne Visum in Salzwüsten, die noch kein Historiker betreten hat. Dass Westerman als Reporter über Geschichte schreibt, ist auch ein Glück.

Bevor er jedoch nach Turkmenistan aufbrach, hat er gründliches Quellenstudium betrieben. Dabei stieß er auf eine "Wasserbibliothek" ungeahnten Ausmaßes. Nicht Hydrologen, sondern Dichter wie Andrej Platonow, Boris Pilnjak, Leopold Auerbach, Fjodor Gladkow und Konstantin Paustowskij haben sie errichtet, sie ist der Überbau zu Stalins Staudämmen. "Die literarische Tätigkeit muss zu einem Rädchen des Mechanismus werden, der von der Arbeiterklasse in Bewegung gesetzt wird", so hatte Lenin es 1905 formuliert. Anders als Marx definierte er Kunst als notwendig auf die Basis bezogenes Machtinstrument. Damit lieferte er der kommunistischen Kunsttheorie und ihren übergeordneten Instanzen das entscheidende Argument zur Behelligung der Künstler mit Parteiaufträgen und zur Bestrafung bei Normwidrigkeiten.

Frank Westermans Version dieser Geschichte beginnt am Vorabend der "Säuberungen". Vierzig Schriftsteller sitzen im Oktober 1932 in Maxim Gorkijs Moskauer Villa, Stalin perönlich will ihnen die Marschrichtung vorgeben. Der Chef verpflichtet seine auserwählten Untertanen als Erzieher des so genannten neuen Menschen. Im Stil sozialistisch-realistischer Rhetorik, die das Positivistische und das Romantisierende unnachahmlich zu verbinden weiß, ernennt Stalin die Dichter zu "Ingenieuren der Seele". Elf der vierzig Anwesenden werden die Arbeit in diesem verantwortungsvollen Amt nicht überleben. Denn es ist sehr gefährlich, so wichtig zu sein. Wie gefährlich, das machen die meisten sich am Beginn der dreißiger Jahre noch nicht klar, auch nicht Gorkij, der von 1921 bis 1928 lange genug im Exil gelebt hatte, um es besser wissen zu müssen.

Im Falle der "Wasserbibliothek" sind die Folgen weisungsgemäßer Literaturproduktion besonders verheerend. Manche Schriftsteller kapitulieren bereits vor der Aufgabe, brüchige Dämme aus Salzwasserbeton zu loben, sie sind unfähig, die Widersprüche der Kunstdoktrin (Wahrhaftigkeit und Parteilichkeit) dialektisch aufzuheben. Die meisten scheitern auf dramatischere Weise: Angenommen, es hat einer eine schöne Kanalhymne geschrieben, nun erweist sich aber der Kanal als ökologisches Desaster und soll totgeschwiegen werden. Da kann sich ein linientreues Buch über Nacht in ein staatsfeindliches verwandeln und der gefeierte Autor in einen unbequemen Zeugen. Der Revolutionsdichter Boris Pilnjak beispielsweise machte sich in den zwanziger Jahren unbeliebt, rehabilitierte sich in den Dreißigern mit dem Roman Die Wolga fällt ins Kaspische Meer, durfte als einer der Ersten in "Stalins Kirschgarten", dem Schriftstellerdorf Peredelkino, wohnen, blieb verdächtig und wurde 1937 ohne viel Aufhebens hingerichtet. Oder Andrej Platonow: Ursprünglich Wasserbauingenieur, hat er 1927 mit seinem Erzählband Die Epifaner Schleusen Erfolg, dann verdächtigt man ihn als Abweichler, rückwirkend werden seine Bücher auf den Index gesetzt, und 1938 bestraft man ihn, indem man seinen fünfzehnjährigen Sohn zu zehn Jahren Zwangsarbeit in den Nickelminen von Norilsk verurteilt.

Wenn man den mäandernden Erzählungen Westermans lange genug folgt, wird einem die absurde Logik des Überwachungsstaates klar. Man versteht noch einmal neu, was so fatal daran ist, das Denken in den Dienst einer Sache zu stellen, und weshalb kein Intellektueller im Staatssozialismus dauerhaft glücklich wurde. Eine politische Utopie literarisch zu legitimieren ist nicht schwer, aber die politische Wirklichkeit mit ihren Wanderdünen und ständig sich ändernden Flussläufen letztgültig zu bedichten?

Im Sommer 1933 glaubt Gorkij noch, das sei möglich. Er trommelt 120 Schriftsteller zusammen, die als Nachhut der Wasserbauer an den Belomor-Kanal abkommandiert werden, damit sie die Schufterei der Gulag-Truppen in eine Heldentat pharaonischen Ausmaßes umdeuten. Mit Spaten und Schippe haben Gefangene in nur 20 Monaten 227 Kilometer Wasserstraße ausgehoben – vom Weißen Meer bis zur Ostsee, angespornt von Akkordeon spielenden Agitationsbrigaden. Nun fertigt Gorkijs Autorenkollektiv eine Chronik des unaufhaltsamen Fortschritts an. Und während das Gros der überlebenden Zwangsarbeiter bereits am Moskau-Wolga-Kanal gräbt, erscheint 1934 Belomor, die Baugeschichte des nach J.W. Stalin benannten Kanals, sie wird zum Fundament der "Wasserbibliothek".