Um es vorwegzunehmen: Es ist genau so, wie unsere Diskurspolizisten, die jede Kritik an der Bush-Regierung als Majestätsbeleidigung betrachten, befürchtet haben. Der französische Philosoph Jacques Derrida hat, weit vor dem amerikanischen Irak-Debakel, in einem Vortrag die Vereinigten Staaten einen "Schurkenstaat" genannt und auch in der Buchfassung kein Wort davon zurückgenommen. Seit der Ära Clinton, so Derrida, habe sich Amerika stets auf seine nationale Souveränität berufen und in zahllosen Fällen internationales Recht verletzt. Der Bruch des Völkerrechts und der Anspruch, in eigener Regie zu entscheiden, wer ein rogue state ist, mache die USA selbst zu einem "Schurkenstaat".

Über diesen Vergleich muss man kein Wort verlieren, denn er ist das, was Derrida selbst einen grammatischen Schwindel nennen würde. Der Bruch des Völkerrechts macht aus einer Demokratie keinen Schurkenstaat. Für eine Pointe, die keine ist, verwechselt Derrida den Rechtsbruch mit dem Subjekt, das ihn begeht – er verwandelt eine "schurkische" Tat in den "Schurkenstaat".

Allerdings, wer diesen Halbsatz isoliert, der wird blind für das Ganze. Derrida will nicht nur die Parole vom Schurkenstaat ad absurdum führen; er will den schlichten Sachverhalt darlegen, dass internationales Recht eine prinzipielle Schwäche besitzt: Es kann seine Einhaltung nicht erzwingen. Keine Macht der Welt, so scheint es, lässt sich von der Macht des Rechts in Schranken weisen. So fein das Gewebe des Rechts auch geknüpft sein mag, die souveräne Macht des Staates kann es brechen und beugen. "Jeder Staat ist a priori imstande, seine Macht zu missbrauchen und das internationale Recht zu verletzen. Jeder Staat hat etwas von einem Schurkenstaat."

Sogar eine Demokratie im Weltmaßstab, die den amerikanischen Hegemon einbinden würde, wäre nicht frei davon. Auch sie enthielte Spurenelemente souveräner Macht, auch sie besäße ein Moment von "Selbstheit" und Gewalt oder, wie Derrida sagt: ein Moment von "Autoimmunisierung", das sich gegen demokratische Verflüssigung sperre. So wäre die Super-Souveränität einer Weltdemokratie ebenfalls ein virtueller Schurkenstaat, auch in ihrem Herzen lauerte der Verrat und das Recht des Stärkeren. Wie man es auch dreht und wendet, Souveränität, die Unbedingtheit politischer Macht, scheint der Fels der Geschichte. Denn um wirksam zu werden, ist Demokratie auf Macht angewiesen, und diese will ungeteilt herrschen, gleichsam "stumm in der Selbstheit ihres eigenen Moments".

Das ist die alte Derrida-Melodie, und man könnte sagen: Er wiederholt sich. Tatsächlich aber will Derrida mit philosophischen Mitteln erklären, warum die Weltgesellschaft von einem "Erdbeben" der Gewalt durchzogen und vom "Krieg gegen den Terror betäubt" wird. Er fragt, warum die Welt zu einem grausamen "Theater der Souveränität" verkommt, zu einem Schlachtfeld aus tödlichen Unbedingtheitsansprüchen, auf dem sich sogar der Begriff des Krieges auflöst – und damit der des Friedens.

Aber es ist nicht nur der Terror; der westliche Liberalismus nimmt selbst ideologischen Charakter an. Im Namen der Freiheit schränkt er die Freiheit ein, und das Demokratische wird immer stärker mit dem Politischen, der nationalen Selbstbehauptung, identisch. Im Kampf gegen den Terror ruft die Staatsräson den Ausnahmezustand aus und gefährdet den Rechtsstaat genau in dem Augenblick, "in dem sie ihn zu begründen vorgibt". Mehr noch, die globalisierte Moderne sei dabei, den "Sinn und das Menschliche der Welt zu verlieren" – wie sich ein "Lebewesen" zerstört, das die Kräfte seines Immunsystems gegen sich selbst wendet.

Es ist unschwer zu erkennen: Derrida kartografiert das Terrain der globalisierten Moderne in den Begriffen des Staatsrechtlers Carl Schmitt. Und wirklich, die reaktionäre Geschichtsschau scheint die Wahrheit auf ihrer Seite zu haben: So wie sich die Zivilisation darstellt, behält das "wesenlose Wesen" der Macht das letzte Wort, und Souveränität scheint jener Vulkan zu sein, der unter der erkalteten Lava der Geschichte immer wieder aufbricht, ohne dass die Stärke des Rechts seinen Eruptionen Einhalt zu gebieten vermöchte. Allerdings, Derrida folgt Schmitt, wie man einem Gegner folgt. Er benutzt dessen Begriffe und wendet sie gegen ihn, um seine "Ontologie der Souveränität" zu erschüttern, Schmitts abendländisches Credo, der Löwe besitze mehr Recht als das Lamm.