Von Thomas Meyer

Zu den wenigen unverwechselbaren Stimmen in der deutschen Philosophie der letzten drei Jahrzehnte gehört zweifellos jene von Ernst Tugendhat. Der in Tübingen lebende 73-jährige Tugendhat hat seinen Ruf nicht zuletzt durch zwei sehr seltene Eigenschaften erworben: einmal durch die Fähigkeit, Argumente mit einem hohen Maß an Verstehbarkeit auszustatten, und außerdem durch die Bereitschaft, Positionen begründeter Einwände wegen zu revidieren.

Noch in jüngster Zeit hat er in den bei ihm auf engste miteinander verknüpften Bereichen der Sprach- und Moralphilosophie markante Korrekturen vorgenommen. Davon zeugt etwa Tugendhats ausdrückliche Orientierung an John Rawls’ Grundsatz, wonach "moralisch gut ist, wer sich so verhält, wie wir (die Mitglieder der moralischen Gemeinschaft) es wechselseitig voneinander fordern."

Nun legt Tugendhat mit Egozentrizität und Mystik ein neues Buch vor, das in bestimmter Weise frühere Arbeiten fortschreibt, um dann einen entscheidenden Schritt über sie hinauszugehen. Im umfangreicheren ersten Teil wird an Grundeinsichten erinnert: Die menschliche Sprache ermöglicht aufgrund ihrer Struktur eine Verständigung, die auf der Angabe von Gründen beruht. Gründe werden angegeben, wenn bejaht, verneint oder keine Position bezogen wird. "Die Fähigkeit des Überlegenkönnens, also nach Gründen und Gegengründen fragen zu können, ist das, was man Rationalität nennt." Diese Rationalität ist auf das, was wahr beziehungsweise gut ist, ausgerichtet, also das, was theoretische beziehungsweise praktische Vernunft heißt.

All das lässt sich weder berichten noch gar denken, wenn die Ich-Perspektive ausgeklammert bleibt. Doch dazu rekurriert Tugendhat nicht auf die Theorien des Ich, wie sie von Descartes bis Husserl vorgelegt wurden. Das Ich ist bei ihm ein völlig unprätentiöses Phänomen, dem es gelingt, seine Meinungen, Wünsche, Absichten und Gefühle durch die Fähigkeit zu objektivieren, prädikativ über sich selbst zu sprechen. Zu diesem Konzept gehört "Freiheit" – das heißt, sich so oder anders verhalten zu können. Ein solch umfassender, über sich hinausgreifender Selbstbezug, die "Egozentrizität", ist eingebettet in Handlungszusammenhänge.

Wie aber versteht Ernst Tugendhat "menschliches Handeln"? Es klingt aristotelisch, wenn er hier Zweck und Ziel als Motivationen nennt. Erweitert wird die Überlegung um das platonische "Gute". Der Vorsatz, etwas zu tun, kann stärker oder schwächer sein, beachtenswert bleibt der Zusammenhang von Sprache, Selbstbezug und dem "Sichausrichtenkönnen auf Gutes". Kernstück der Überlegungen zum "Guten" ist die "intellektuelle Redlichkeit". Darunter versteht Tugendhat mit Nietzsche einen begründeten Willen zur Wahrheit. Doch die Nennung Nietzsches täuscht, denn "intellektuelle Redlichkeit" ist vor allem eine Tugend.

"Die Tugend der intellektuellen Redlichkeit ist (…) eine eigenständige Tugend, die auf ein Gutes ausgerichtet ist, das weder das eigene Wohl noch das Wohl anderer ist, sondern das Gute der betreffenden Tätigkeit." Damit trägt Tugendhat dem Faktum Rechnung, dass menschliches Handeln dem Selbstzweifel und der Sorge um die Richtigkeit des Getanen unterliegt. Die daraus entstehende Scham "motiviert" die intellektuelle Redlichkeit.