In unseren Fernsehnachrichten sehen wir gelegentlich, wie vor der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika verheerende Hurrikans heraufziehen und wie sich die Menschen in den bedrohten Gebieten darauf vorbereiten. Mich hat dabei immer wieder beeindruckt, wie die Amerikaner mit ruhiger Entschlossenheit ohne jede Panik sich angesichts solch einer drohenden Naturkatastrophe verhalten. Eines meiner Kinder hat das bei seiner amerikanischen Gastfamilie erfahren. Mit Brettern wird das an der Küste gelegene Haus gesichert, und dann fährt man zu den 250 Meilen entfernt wohnenden Verwandten und wartet, bis der Sturm über die Küste gefegt ist. Keine Tragödie ist das und auch kein Weltuntergang, sondern eine zu bewältigende Herausforderung. Alle meine vier Kinder haben einen Teil ihrer Schulzeit bei US-amerikanischen Gastfamilien verbracht: in Texas, in Illinois, in Virginia und in South Carolina. Sie wurden alle in unterschiedlicher Weise durch die vielfältigen Erfahrungen nachhaltig beeinflusst. Nicht am geringsten hat sie beeindruckt, mit welcher Entschiedenheit und Tatkraft sich Amerikaner Problemen und Herausforderungen im praktischen Alltag stellen.

An Amerika kann und darf man vieles kritisieren, aber eines hat diese Nation der Einwanderer uns Europäern sicherlich voraus: Amerika besitzt Ideale, verbunden mit einem Grundoptimismus, der weltweit seinesgleichen sucht. Die Kombination beider Haltungen führt zu einem can-do-spirit, dessen Vertreter nicht nur glauben, Berge versetzen und die Welt befrieden zu können, sondern die dieses auch trotz aller Verfehlungen und Rückschläge aktiv versuchen. Selbst auf der Erde machen das Streben und die zielgerichtete Verfolgung von Idealen nicht Halt: Get a man to the moon in ten years – wenige Politiker in der Welt sind willens und in der Lage, in ähnlichen Kategorien zu handeln wie ein John F. Kennedy.

Den Amerikanischen Traum mag man als Illusion abtun und mit einer gewissen Berechtigung die Gefahr einer Hybris und Ignoranz gegenüber anderen Ländern sehen. Unbestritten ist jedoch, dass viele Amerikaner an die eigene Stärke als Grundlage des Amerikanischen Traumes glauben und dadurch individuell und als Nation Beeindruckendes auf die Beine stellen: Wenn ich glaube, dass ich etwas schaffen kann, leiste ich mehr, als wenn ich von Anfang an überzeugt bin, dass ich keine Chance habe. Nicht zufällig sind die Vereinigten Staaten das Land der Unternehmer, die es riskieren, Geschäfte aufzubauen und Projekte umzusetzen, um den Amerikanischen Traum zu verwirklichen. Dies beinhaltet die felsenfeste Überzeugung, dass es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten jeder schaffen kann mit harter Arbeit und einem Quäntchen Glück. Dass dies in der Realität für viele Amerikaner gerade am unteren Ende der Gesellschaft oftmals anders aussieht und soziale Ungleichheit viel stärker ausgeprägt ist als in Europa, ist ein anderes Thema.

Wenn wir Europäer uns abendfüllend darüber auslassen können, was bei uns alles nicht funktioniert, stehen wir uns damit am Ende selbst im Weg, weil wir so wenig Neues probieren und schaffen. Wer bei uns einmal gescheitert ist, bekommt nicht so leicht eine neue Chance. Wer sich selbstständig machen will, der muss wie Don Quichotte gegen die Mühlen von Bürokratie und Steuerrecht ankämpfen, statt sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren zu können.

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Anekdote eines weit gereisten Amerikaners, der gebeten wurde, doch einmal drei Begriffe zu benennen, die ihm bei seinen in Deutschland gemachten Erfahrungen in den Sinn kämen. Zum einen, so der Gefragte, sei dies das Wort Dienstweg, zum anderen erinnere er sich lebhaft an den recht knappen Ausdruck Draußen nur im Kännchen als Erläuterung eines deutschen Naturgesetzes bei der Bestellung von koffeinhaltigen Getränken im Freiluftbereich von Gaststätten. Drittens wurde ihm regelmäßig mit dem Satz Sie sind nicht im Computer an deutschen Flughäfen die Existenzberechtigung abgesprochen.

Bei aller Ironie sprechen die dahinter liegenden Befindlichkeiten doch Bände über das Selbstverständnis und die entsprechenden Mentalitäten unserer jeweiligen Gesellschaften. Zwar sind die US-Bürger stärker auf sich allein gestellt, aber es werden ihnen bei der Gestaltung ihrer Existenz vom Staat weit weniger Steine in den Weg gelegt als bei uns in Deutschland. Jeder hat die Freiheit zu versagen, aber eben auch die Möglichkeit, individuell erfolgreich zu sein.

Wenn wir fragen, wie man Erfolg am sinnvollsten gerecht und sozialverträglich verteilt, vergessen wir dabei zunehmend den ersten Schritt, nämlich erst einmal Erfolg zu haben. Amerika funktioniert deshalb so gut, weil die Kombination von Optimismus, Idealen und Freiheit in Individuen Kräfte freisetzt, welche die USA zur größten Wirtschaftsmacht der Welt gemacht haben. Was also ist das Geheimnis des Erfolgs dieser Nation, die sich selbst für exceptional, also nicht nur als etwas Besonderes, sondern als außergewöhnlich und ohne Parallele beschreibt? Wie ist dies möglich in einer Nation, die ihre Wurzeln in der Alten Welt hat als eine Ansammlung von Immigranten?