Die Freundschaft von Mensch und Pferd ist so amerikanisch und mythisch wie das Marlboroland‚ auf dem sie geschlossen wurde. Gemeinsam waren sie im Westen angekommen, gemeinsam zähmten sie die Landschaft. Das alte Amerika wurde auf dem Rücken von Pferden begründet, mit dem Stallgeruch von Freiheitsdrang und unbezähmbarer Abenteuerlust. Doch dann drängte sich etwas zwischen Menschen und Tier – man nannte es Fortschritt. Hier wird um Größeres gerungen : In "Seabiscuit" ist die Rennbahn der Ort der gegenseitigen Zähmung

Dass das Bild des Pferdes auch im Kino unter die Räder geraten würde, zeichnete sich schon in Sam Peckinpahs Spätwestern The Wild Bunch ab, als sich Pferde und Automobile in merkwürdig anachronistischen Aufnahmen plötzlich die staubige Straße teilen mussten. In der Moderne ist der Mensch schließlich ganz ohne Pferd angekommen, nur sporadisch tauchte es noch auf der Leinwand auf, als geduldiges Arbeitstier, das sich allerlei persönlicher und nationaler Traumata annimmt. In dieser Rolle hat es in den letzten Jahren mit Filmen wie Robert Redfords Der Pferdeflüsterer und Billy Bob Thorntons Western-Abgesang All die schönen Pferde sogar ein kleines Revival erfahren. Da durfte das Pferd plötzlich noch einmal des Menschen bester Freund sein, um ihn besser als jeder Seelenklempner von seinen Psychosen zu kurieren. Auch in seiner neurotischen Ausprägung ist der Amerikaner ein ewiger Cowboy. Er braucht das Pferd. Nicht umgekehrt.

"Alle dachten", erzählt Tobey Maguire am Ende von Gary Ross’ Film Seabiscuit, "wir haben dieses kaputte Pferd gefunden und es wieder aufgebaut. Aber das stimmt nicht. Er hat uns wieder aufgepäppelt. Wir haben uns gegenseitig aufgebaut." Tatsächlich geht es in Seabiscuit etwa so aufgeregt zu wie im überfüllten Wartezimmer eines Psychotherapeuten. Bezeichnenderweise ist es jedoch nicht das Ich‚ das in der Verfilmung von Laura Hillenbrands Bestseller-Biografie Seabiscuit: An American Legend auf der Couch liegt. Der Schlüsselbegriff in dieser überlebensgroßen Heilungsgeschichte ist das fragile Wir, das hier beschwörend zum traumatisierten Kollektivkörper erhoben wird. Ist der Mensch nicht eins mit sich, kann es die Nation schon gar nicht sein.

Jede Ära braucht ihre Identifikationsfiguren, und im Amerika zwischen Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg war es eben ein Pferd, das den schlichten Traum vom "Amerikanischen Weg" verkörperte und die amerikanische Nation vor den Radios vereinigte. Allein Seabiscuits Biografie hält beträchtliches Identifikationspotenzial bereit: Von früheren Besitzern wurde das Tier als "Hase" für die schnelleren Rennpferde des Stalls benutzt, darauf dressiert, niemals das uramerikanische Siegergefühl am eigenen Leib zu spüren. Aber die Seele eines Pferdes, selbst eines neurotischen, ist nicht so schnell unterzukriegen.

"Rocky" in der Wirtschaftskrise

Die Schicksalhaftigkeit der Wirtschaftskrise scheint sich in Seabiscuit bis in die traurigen Teenager-Augen Tobey Maguires zu spiegeln. Maguire spielt den Jockey Red Pollard, der von seinen Eltern als Kind mit einer Hand voll kärglicher Erinnerungen in der Obhut des väterlichen Pferdemagnaten Charles Howard zurückgelassen wurde. Dort begegnet er zum ersten Mal Seabiscuit, mit dem ihn nicht nur sein ungestümes Temperament verbindet. Es sind vor allem die Augen, die traurigen.

Der Sportfilm ist der Underdog-Film schlechthin, denn erst wer ganz unten angelangt ist, weiß die Früchte des kometenhaften Aufstiegs zu schmecken. Das innere Ringen um Größeres verlagert der Regisseur Gary Ross auf die Rennbahn, den Ort der gegenseitigen Zähmung. Als Redenschreiber für Bill Clinton hat er hinreichend Erfahrung mit der Aufbruchsrhetorik geschmeidiger Demagogen gesammelt, um den angemessenen Ton für sein naives Aufsteigermärchen zu finden. Seabiscuit ist Rocky als Weltwirtschaftskrisendrama mit einem krummbeinigen Rennpferd anstelle eines Boxers – ist Silvester Stallones Nachname nicht das italienische Wort für Hengst?

Ein Aufsteigermärchen der verlorenen Seelen: Chris Cooper trägt als Seabiscuits Trainer Tom Smith sein immer etwas verweint wirkendes, ausgemergeltes Gesicht sogar noch etwas existenzialistischer als sonst zur Schau. In diesem Gespann ist er der amerikanische Archetyp schlechthin: ein ewiger Cowboy, der mit dem Aufkommen der Autoindustrie um seinen Platz in der Gesellschaft gebracht wurde. Von den Menschen enttäuscht, wandelte er sich zum wortkargen, eigenbrötlerischen Pferdeversteher. Auch die omnipotente Vaterfigur darf im Selbstfindungskarussel nicht fehlen. Jeff Bridges spielt mit rotwangigem Urvertrauen den Selfmademan Charles Howard, der bei einem Autounfall zunächst seinen Sohn und später am Schwarzen Freitag sein Automobil-Imperium verlor. Er ist schließlich zum Pferdeliebhaber konvertiert, ohne seinen bedingungslosen Fortschrittsglauben eingebüßt zu haben. "Jeder verdient seine zweite Chance", dröhnt es permanent aus seinen hemdsärmeligen Pressekonferenzen. Seine mächtige Hand ruht auf der schmächtigen Schulter Maguires.