Da ist ein bemerkenswerter Sommer vergangen, und nichts ist passiert. Er war heiß, ungewöhnlich heiß sogar. Die Zeitungen waren voll von Ratschlägen, die uns helfen sollten, die Hitze zu überstehen. Aber etwas anderes als der Rat, viel zu saufen, ist ihnen auch nicht eingefallen. Also machte die Getränkeindustrie Rekordumsätze.

Diese Meldung kam einem kulinarischen Thema am nächsten. Doch was ist daran kulinarisch, wenn sich die Nation mit Bier, Limo und Tafelwasser abfüllt? Gegessen hat sie nämlich nicht. Dafür wurde ständig und überall gegrillt, sodass ein Gestank über dem Land lag, verglichen mit dem die Ozonwerte als kleineres Übel erschienen. Aber Grillen im Wald und auf der Heide ist des Neandertalers Freude und deshalb unserer hoch entwickelten Esskultur unwürdig.

So muss man die Pizza als die Gewinnerin dieses Sommers betrachten. Und was hat sie gewonnen? Sie gewann die Herzen des Publikums, das sich mit anspruchsvollem Essen nicht aufhalten lassen wollte auf dem Weg zum Strand. Das allerdings ist nicht bemerkenswert, weil die Pizza auch bei kühlem Wetter die Sympathie der Bevölkerung besitzt. Wenn in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu befürchten war, dass 80 Millionen Deutsche sich einen Kokon aus Spaghetti bauen und darin leben würden, so kann diese Gefahr als gebannt gelten. Denn jetzt bauen sie Pizzas. Pizza- Hütten, Pizza-Paläste und Tiefkühltruhen für die Stapelung von Pizzas. Sie sind pizzasüchtig und wissen sogar, dass der Plural von Pizza Pizze heißt, weil ihnen eine Pizza allein nicht genügt.

Ich habe in diesem heißen Sommer mindestens ein Dutzend Pizze gegessen. Der Dorfmetzger macht sie täglich frisch, und die ersten beiden haben mir ganz gut geschmeckt. Bei der dritten bemerkte ich, dass der überbackene Käse eigentlich keinen Geschmack hatte, dafür aber klebrig war wie eine frisch geteerte Landstraße. Das habe ich dann – es war ja so heiß – ergeben akzeptiert, bis ich bei der sechsten Pizza eine Grille im Mund hatte. Was mich nicht überraschte.

Denn rund um unser Haus wimmelt es von Grillen. Nicht nur von Zikaden, welche nicht wimmeln, sondern lärmen, wenn unsereins schlafen will. Aber während Zikaden von Frau Hoffmann als Leckerbissen geschätzt werden, für die sie die Bäume raufrennt, ist die kleinere Sorte Grillen vorwiegend auf der Terrasse unterwegs, immer auf dem Sprung, in einer Pizza zu landen. Da steckte sie denn auch eines Tages, vom klebrigen Käse überrascht wie die Einwohner Pompejis von der Lava.

Wenn man eine Pizza isst und auf eine Grille beißt, bemerkt man das nur, wenn das athletische Insekt noch strampelt.

"Was machst du für ein Gesicht?", lautet der Anfang eines kurzen Tischgesprächs.

"Da bewegt sich was", sage ich in jener Stimmlage, die mir sonst nur beim Zahnarzt gelingt, und versuche, den Pizzabissen diskret in die vor den Mund gehaltene Serviette zu schieben. Natürlich fällt er mir auf die Hose.

"War wohl keine Wespe", vermutete meine Tischdame richtig, da ich nicht röchelnd zwischen das Tafelsilber falle.