Sind Weintrinker konservativ? Aber gewiss doch! Konservativ wie die Esser, also wie du und ich. Neuer Geschmack, unbekannte Gerichte? Igitt, nein! Auch beim Wein bedeutet das: Bloß keine Experimente! Riesling im Barrique ausbauen? Schraubverschluss statt Korken? Pinot noir an der Nahe? Genauso gut könnte man einem Hanseaten Kutteln empfehlen. Jede Neuerung im Weinbau stößt zunächst auf Widerstand.

Als tollkühne Winzer in der Pfalz und am Kaiserstuhl ein paar Reihen Chardonnay anpflanzten, haben sie Wachen aufstellen müssen, damit das niemand sah. Als der Frevel dann ruchbar wurde, war die Empörung groß.

Heute stammen aus deutschen Weingütern einige sehr gute Chardonnays, und die Hüter der Tradition haben sich beruhigt. Hatte nicht schon früher jemand festgestellt, der Fortschritt bewege sich mit der Geschwindigkeit einer Weinbergschnecke? Sie schleimt auch in anderen Gegenden durch die Reben.

Die Schweizer Winzer haben einige der schönsten Rebberge Europas mit Chasselas bepflanzt, was einhellig (nur nicht in der Schweiz) als Verschwendung betrachtet wird. Und bevor französische Trinker sich daran gewöhnten, dass im Südwesten ihres Landes Edelreben angepflanzt und daraus ganz hervorragende Rotweine gekeltert werden, vergingen Jahrzehnte.

Zurzeit beklagen die Traditionalisten, was junge Winzer mit der Viognier-Traube anstellen. Aus ihr wird der hoch geschätzte und seltene Condrieu gewonnen, der rund um den gleichnamigen Ort im Rhônetal wächst. Man findet ihn fast nur in der gehobenen Gastronomie.

Nur eine Hand voll Winzer wird mit dem Condrieu in Verbindung gebracht, sie heißen etwa Vernay, Cuilleron, Villard, Clusel-Roch, Niero und Guigal. Deren Weine erfreuen den Kenner durch eine delikate Fruchtigkeit in der Jugend, während sie mit zunehmendem Alter eine edle Reife entwickeln, die wohl vor allem den Ruhm dieser Rebsorte begründet.

Das alles spielt sich im Rahmen der Tradition ab. Neu ist jedoch der wagemutige Versuch, die Viognier-Traube auch in anderen Regionen Südfrankreichs anzubauen. Das Wagnis besteht in dem voraussehbaren Protest der Konservativen, welche auf ihren Viognier-Flaschen den Namen Condrieu lesen wollen und nicht den irgendeiner Gemeinde aus einer Gegend, wo die Bauern sich auf Lavendel beschränken sollten. Tatsächlich sind inzwischen von der südlichen Drôme bis ins Departement Var kleinere Parzellen mit Viognier bepflanzt. Und ich kann nur sagen, das ist auch gut so.