Als die Signora Maria Rosaria in ihrem Schlaf gestört wird, ist es noch finstere Nacht. Ein scharrendes Geräusch im unteren Teil des Hauses hat sie geweckt. Ein Geräusch, das sie schon einmal gehört hatte. Erst vor zwei Wochen war das gewesen und ebenfalls mitten in der Nacht. Da war sie verstört im Nachthemd vom dritten Stock hinuntergestiegen in den Salon, den sie dann völlig verwüstet vorfand. Die Einbrecher waren längst über alle Berge.

Und nun – es war, wie sie sagt, "la notte di Santo Stefano" – hört sie die gleichen Geräusche wie neulich. Doch nicht schon wieder!, denkt sie, wirft sich eine Strickjacke über die Schultern, schleicht aus ihrem Schlafzimmer auf den Flur des Treppenhauses und ruft: "Ist da jemand im Haus?" Aus dem Schlafzimmer ihres Bruders Luca im zweiten Stock antwortet ihre Schwägerin mit verschlafener Stimme: "Geh, Marisa, du träumst wohl. Die Einbrecher waren vor zwei Wochen hier. Beruhige dich, und geh wieder ins Bett. Buona notte!"

Aber die 55-jährige Maria Rosaria Steardo träumt solche Sachen nicht. Sie ist in den vergangenen zehn Jahren 38-mal überfallen worden. Hier zu Hause und in ihrer Apotheke am Stadtrand von Pompeji. Einbrüche und Überfälle gehören zu ihrem Alltag, zu ihrem Leben, scheinen ihr Schicksal zu sein. Und so steigt sie auch in dieser Nacht hinunter in die Diele, von wo die Geräusche gekommen waren, und sieht sich augenblicklich in ihrem Verdacht bestätigt: Schon wieder! Die Haustür steht sperrangelweit offen, in der Wohnhalle herrscht größte Unordnung. Dieses Mal, das sieht die Frau mit einem Blick, haben die Diebe mehr fortgeschleppt denn je. Die Wanduhr zeigt 5.30 Uhr an, als die Signora laut zu jammern beginnt. "Kommt schnell alle herunter, und seht euch die Bescherung an!"

Die Wohnung der Apothekerin ist für jemanden, der Redliches im Schilde führt, schier unauffindbar. Die Via Sant’Abbondio bezeichnet ein ganzes Viertel, das sich auf der Rückseite des kleinen Bahnhofs von Pompeji am Schienenstrang Neapel–Salerno entlangzieht. Einfamilienhäuser, über Nacht von Hobbymaurern errichtet, stehen neben Hochhäusern so wild und so kreuz und quer in der Gegend, wie das meiste hier, das missbräuchlich an den Ausläufern des Vesuvs gebaut wurde. Wer in dieser öden und verwaisten Gegend zu Fuß unterwegs ist, erregt Aufsehen. Der Kleinwagen einer Carabinieri-Streife schleicht schon zum wiederholten Mal vorbei. Wo die Hausnummer 160 ist, wissen die beiden Uniformierten auch nicht zu sagen. Vielleicht dort drüben, jenseits der Schutthalde, wo eine Reihe von Villen verborgen hinter hohen Gartenhecken liegt?

Ein überdachtes Gartentor mit vier Klingelknöpfen und leeren Namensschildern. Noch ehe das Licht über der Linse der Videoüberwachung angeht, schlagen rechts und links in den Nachbargärten die Hunde an. Im Haus der Maria Rosaria Steardo, drei Stockwerke hoch und im Grünen gelegen, gibt es keinen Wächter. Dafür ist bis hinauf unters Dach jedes Fenster vergittert und kugelsicher verglast. "Antiproièttile", wie die Hausherrin sagt, mit einer müden Stimme, der es an Überzeugung fehlt. Hat ja alles nichts genützt. Im großen Salon zu ebener Erde bei gedämpftem Lampenlicht und geschlossenen schweren Samtvorhängen vor den Fenstern, durch die kein Schimmer der gleißenden Mittagssonne dringt, erzählt sie vom letzten Einbruch in der Nacht von Santo Stefano. "Sechs Personen leben in diesem Haus. Außer mir noch meine zwei Brüder, einer von ihnen mit seiner Frau und zwei Kindern. Nachdem wir uns im Morgengrauen ein erstes Bild von dem Einbruch gemacht hatten, stand für uns fest, dass die Diebe dieses Mal wohl mit einem Kleinlaster oder Lieferwagen gekommen sein mussten."

Wie bei einer Schlossbesichtigung führt die Signora den Besucher durch ihre Wohnung, an deren Wänden zwischen zierlichen Messinglämpchen und goldgerahmten Stichen brutale Löcher klaffen. Wo Bilder gehangen hatten, ragen jetzt herausgerissene Dübel aus der Wand. Vor jedem Leerraum verweilt die Hausherrin und erläutert den Verlust: "An dieser Stelle hing ein Borgognone. Ein grandioses Schlachtengemälde. Dort drüben war ein Meisterwerk des Neapolitaners Luca Giordano und hier eines von Guido Reni. Insgesamt fehlen sieben Ölbilder, fast alle aus dem 17.und 18. Jahrhundert." Erbstücke aus dem Familienbesitz. Alle unversichert.

"Als ich mal bei einer Versicherung angefragt hatte, winkten die gleich ab. Nach den vielen Einbrüchen, Signora…" In der Bibliothek im ersten Stock vermisst ihr Bruder Pietro ein Porträt von Antonio Mancini. "Wer weiß, vielleicht hatten die Räuber ausländische Auftraggeber", gibt Maria zu bedenken. Ihr Bruder glaubt nicht an Kunstraub. Kunstdiebe klauten doch nicht auch noch Panettone, Weinflaschen und Dolci! Den Großeinkauf für ein verlängertes Wochenende, zwei Körbe voll, hätten sie aus der Speisekammer mitgenommen.

Eingestiegen waren sie in der Küche. Dafür hatten sie den großen Ventilator der Klimaanlage aus der Außenwand gebrochen, in der Wohnung den Hausschlüssel am Schlüsselbrett gefunden und dann zügig gearbeitet wie bei einem Umzug. Auch der große, neue Fernseher sei, wie schon mehrere seiner Vorgänger, fortgetragen worden. Desgleichen Bodenvasen von der Königlichen Porzellanmanufaktur aus Capodimonte.