Warum spenden einige westliche Gesellschaften großzügiger als andere? Warum schwankt das Spendenaufkommen in den USA und in Großbritannien zwischen einem und zwei Prozent des Bruttosozialprodukts, während es in Deutschland – von staatlich finanzierten gemeinnützigen Stiftungen einmal abgesehen – bei circa 0,3 Prozent liegt? In Skandinavien ist es annähernd gleich niedrig. Warum geben Amerikaner also zehnmal mehr als Deutsche? Warum spenden die Briten zehnmal mehr als die Schweden?

Dafür gibt es viele Erklärungen – Steuersysteme können erwähnt werden, die Versorgung im Sozialstaat oder historische Gewohnheiten. Ein Punkt soll an dieser Stelle aber näher beleuchtet werden: Häufig wird angenommen, dass ein Rückgang der Spendenbereitschaft einen Zusammenbruch der Selbstorganisation einer Gesellschaft nach sich ziehe. Das heißt, weniger Großzügigkeit führe zu einer Auflösung jener vielen kleinen, lokalen Knotenpunkte der Selbstverwaltung und der unabhängigen ehrenamtlichen Organisationen, die zusammen die Zivilgesellschaft ausmachen. Das Umgekehrte ist jedoch richtig: Es ist der Zusammenbruch von Selbstverwaltung und Zivilgesellschaft, der einen Zusammenbruch der Spendenbereitschaft auslöst.

Ein Beispiel: England hat mehr Wohltätigkeitsvereine als der Kontinent, und zwar deswegen, weil es über mehr selbst verwaltete Institutionen verfügt. Seine reiche bürgerliche Geschichte, deren Kontinuität von Eroberungen oder Revolutionen nicht gestört wurde, hat die Briten dazu inspiriert, sich zahlreiche Ausdrucksformen ihrer Staatsbürgerlichkeit zu suchen. Man hat ausgerechnet, dass es ungefähr 350000 von Freiwilligen unterhaltene Organisationen in Großbritannien gibt. Die meisten Länder in Kontinentaleuropa verfügen lediglich über ein Zehntel davon. Gemeinschaftsstiftende Mechanismen – zu denen auch gemeinnütziges Geben gehört – sind in Europa viel weniger verbreitet. Nicht, weil die Menschen kein Geld spenden wollen, sondern weil es weniger Gruppen gibt, die für Zuwendungen infrage kommen. Es gibt einfach weniger selbst verwaltete, lokale Institutionen. Die Zivilgesellschaft ist schwächer ausgeprägt.

Großzügigkeit – ein Merkmal multikultureller Gesellschaften

Freigebigkeit, das Engagement für gute Zwecke, setzt jedoch eine selbst verwaltete bürgerliche Gesellschaft voraus, eine, in der die Menschen eine wirkliche Wahl haben und echten Einfluss ausüben können. Die Spender sollen nicht im Einzelfall entscheiden, was mit der Spende geschieht, aber sie können erwarten, dass die Empfänger ihre Mittel kompetent einsetzen. Wenn ein Amerikaner seine ehemalige Universität unterstützt, überlässt er dem Präsidenten des College die Entscheidung darüber, ob eine neue Musikabteilung aufgebaut oder das Footballteam verstärkt werden soll. Es wäre sinnlos, eine Institution zu unterstützen, in der jede Aktivität von einer "Zentralverwaltung" kontrolliert wird. Ein Wechsel in der Art und Weise, wie in Kontinentaleuropa Krankenhäuser, Schulen, Universitäten oder Theater staatlich gefördert werden – das heißt im Sinne von Blocketats, die von den Einrichtungen frei genutzt werden –, eine solche Reform könnte möglicherweise eine Befreiung der Kreativität im dritten Sektor auslösen.

Darüber hinaus gibt es noch andere Gründe, warum Kontinentaleuropäer, verglichen mit ihren angelsächsischen Nachbarn, weniger spenden. Es scheint ein Zusammenhang zwischen multikulturellen Gesellschaften und karitativer Freigebigkeit zu existieren. Wir wissen, dass die Spendenbereitschaft der einstigen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland heute Großbritannien, den USA und Israel zugute kommt. Flüchtlinge und Emigranten scheinen ihre Dankbarkeit gegenüber der neuen Heimat oft durch Wohltätigkeit auszudrücken. Ein gutes Beispiel in England sind die asiatischen Gemeinschaften: Die Fähigkeit von Flüchtlingen und Immigranten, sich als Spender zu betätigen, hängt nämlich auch von den ökonomischen Chancen ab, die ihnen die neuen Heimatländer bieten. Und die bemessen sich nach sozialer Offenheit und wirtschaftlicher Liberalität. Es spricht aber durchaus für Großbritannien, dass etwa die ugandischen Inder und Asiaten, die 1972 während weniger Wochen über eine Luftbrücke ausgeflogen wurden und als mittellose Flüchtlinge in England ankamen, mittlerweile über ein Pro-Kopf-Einkommen verfügen, das über dem der weißen Briten liegt. Erstaunliche 50 Prozent der ugandisch-asiatischen Kinder studieren heute, um Ärzte, Kaufleute oder Anwälte zu werden – und haben die Gelegenheit, sich später einmal als Philanthropen zu betätigen.

Tatsächlich ist die Philanthropie der asiatischen Bürger in Großbritannien von wachsender Bedeutung. Im Unterschied zu Kontinentaleuropa erwarten Neueinwanderer und ethnische Minderheiten in England nicht so sehr Wohlfahrtshilfen als vielmehr die Chance, erfolgreich zu werden. Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist die nach Zugangsbarrieren. Die Textilindustrie, die wenige "natürliche" Zugangsschranken kennt und daher eine ideale Einstiegsmöglichkeit für Neueinwanderer darstellt – man braucht nur eine Nähmaschine –, floriert in den britischen Midlands und ist geradezu eine Domäne der Asiaten. Das ist noch immer die Grundlage für manche asiatische Erfolgsstory.

Zugleich ist es für den karitativen Sektor ganz entscheidend, dass die Arbeit von Einwanderern legal ist. Die Schattenwirtschaft mit ihrem unsichtbarem Reichtum hat auf den karitativen Bereich zerstörerische Auswirkungen. Italienische Industrielle – egal, wie respektabel sie sind – werden nur selten große Philanthropen: Schenkungen könnten ihnen eine Steuerprüfung einhandeln. Der karitative Sektor ist also wesentlich auf solche Gesellschaften angewiesen, die es zulassen, dass Vermögen legal gebildet und erhalten werden. Und die Geldspenden moralisch und materiell – das heißt auch steuerrechtlich – begünstigen.