Der Papierform nach scheint die auswärtige Kulturpolitik auf gutem Weg zu sein: Gerade ist das Goethe-Institut in Kabul eröffnet worden, das mit einem Jahresetat von einer Million Euro zu den am besten ausgestatteten gehört, und das zu Recht. Auch in Havanna steht – sobald Fidels letzte Eiszeit beendet sein wird – eine Eröffnung an, ebenso in Teheran. In der Münchner Goethe-Zentrale sind die Wogen, welche die Fusion mit InterNationes ausgelöst hatte, wieder geglättet worden. Ein Generalsekretär musste gehen, ein interimistischer übergibt nun den Stab an einen neuen, an den Juristen Andreas Schlüter, 47, den ehemaligen Geschäftsführer der Bertelsmann Stiftung, enger Mitarbeiter Mark Wössners, Spezialist für Stiftungsrecht.

Der neue Generalsekretär wird nach Ideen für die Programmarbeit gefragt werden, man wird von dem Manager auch eine Entbürokratisierung erwarten. Denn in Wirklichkeit gehört das Goethe-Institut zu jenen verwucherten Organisationen, die aufgrund politischer Opportunität, aufgrund zäher Eigendynamik oder einfach nur aus Indolenz jahrzehntelang murkeln durften und sich nun als weitgehend reformresistent erweisen. Irgendwann sollte alles billiger werden, aber der Sparkurs der vergangenen Jahre war nicht auf innere Reform angelegt. Insofern ist die auswärtige Kulturpolitik, wie sollte es anders sein, ein Abbild der Bundesrepublik.

Doch steht die auswärtige Kulturpolitik nicht, ähnlich wie die öffentliche Kulturförderung, vor der Aufgabe einer umfassenden Neuordnung, einer "Systematisierung"? Immerhin geht es um 170 Millionen Euro Steuergelder, und davon fließt immer noch fast die Hälfte in die Programmarbeit und die Sprachförderung in Europa. Ist das nötig? Die Kulturinstitute der europäischen Nationen arbeiten immer intensiver zusammen. Nationalkultur ist in der EU kein Konzept mit Zukunftschancen, und auch was die Goethe-Präsenz in den Beitrittsländern Mitteleuropas anlangt, gäbe es nicht die Möglichkeit, dort der Bundeskulturstiftung Aufgaben zuzuweisen, die noch nach einer inneren Räson sucht, selbst wenn sie einer anderen Behörde, jener der Kulturstaatsministerin, zugeordnet ist?

Vermutlich wäre eine stärkere Präsenz in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wichtiger, in den islamischen Nationen, um dort ein differenziertes Bild vom "Westen" zu vermitteln, in Asien, wo es ein starkes Interesse an Deutschland gibt und wo es von großer Bedeutung ist, dass die Goethe-Institute vor Ort die neu entstehenden Eliten an sich binden. All das wird laufend rhetorisch beschworen, aber organisatorisch kaum eingelöst. Es setzte voraus, dass das Auswärtige Amt deutsche Interessen definierte, auch in der Kulturpolitik. Doch ein Land, das sich nicht nur in Europa als "postnational" versteht und dieses Selbstverständnis auch auf die Bereiche der Wirtschaft und der Kultur erstreckt, kann einen solchen Auftrag, streng genommen, gar nicht formulieren. Er wäre aber nötig, denn nur in der Spannung zwischen klarer Vorgabe und kulturellem Eigensinn kann sich eine Mittlerorganisation wie das Goethe-Institut erneuern – und die Ressourcen könnten angemessener verteilt werden.