Zu den ebenso großen wie einfachen Weisheiten im Fußball ("Der Ball ist…", "Ein Spiel dauert…") gehört seit geraumer Zeit auch eine, die nicht ganz so leicht nachzuprüfen ist. Sie lautet: "Ein Fußballspiel wird im Kopf entschieden." Ist er nicht sehr mental geworden, unser Nationalsport? Fast zum Denksport, besonders jetzt, da ein Jubiläum naht, dessen Bedeutung derart groß ist, dass die feuilletonistische Erinnerungsmaschinerie sehr frühzeitig in Gang geraten ist: der 3:2-Sieg der deutschen Nationalelf im WM-Finale gegen Ungarn am 4. Juli 1954. Das "Wunder von Bern", oft als Gründungsmythos der Bundesrepublik beschrieben, ist längst verfilmt, gedeutet, mystifiziert.

Bei so viel Mythos bleibt das Handwerk auf der Strecke – wo doch schon jetzt, ein Jahr vor dem "Wunder"-Jahrestag, ein rundes Jubiläum zu feiern ist: 50 Jahre Schraubstollenschuh! 1953 erfunden! Jawoll! Das klingt sehr klein neben einem Wort wie "Gründungsmythos", doch hat der Schraubstollenschuh dem Spiel der Deutschen damals den wohl entscheidenden Kick gegeben.

Die Geschichte beginnt, wie gesagt, 1953. Der fränkische Schuhmacher Adolf Dassler, der während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin bereits den amerikanischen Leichtathleten Jesse Owens ausgestattet hatte, reist mit der deutschen A-Jugend-Nationalmannschaft zu einem damals weithin unbeachteten Turnier nach Dänemark, im Gepäck einige Testschuhe, die ein Jahr vor der Weltmeisterschaft in der Schweiz nicht jeder sehen soll.

Es ist Nachkriegszeit, doch im Fußball herrscht noch immer Vorkriegszeit, sowohl was die Spielweise als auch die Ausstattung angeht: In den Jahrzehnten bis zum Zweiten Weltkrieg trugen Fußballspieler, Handballer, Faustballer und Hockeyspieler meist die gleichen Schuhe. Schwere, hohe Stiefel aus England, aus dickem Leder, 2,5 Millimeter stark, fest gegerbt, vorn mit Stahlkappen und Lederriemen zum Schutz der Mittelfußknochen verstärkt. Alles in allem waren die Stiefel komplett auf Schutz in einem brutalen Sport ausgelegt – etwas anderes als kick and rush war damit nicht möglich. Außer Bergsteigen vielleicht.

"Adi, mach uns mal ein Paar Schuhe, in denen man den Ball spürt"

Dabei war Adolf Dassler, dem Gründer, Chef und Namensgeber der Firma adidas, längst aufgefallen, dass die Jungs auf den Dörfern am liebsten in ihren weichen, leichten Sonntagsschuhen Fußball spielten. Für ein bisschen Ballgefühl riskierten sie Schelte der Eltern – Dassler hingegen verstand sie. Seine Idee von einem weichen, leichten Fußballschuh (aus heutiger Sicht fast so gewagt wie Ballettröckchen für Boxer) konnte er aber erst Anfang der fünfziger Jahre an den Mann bringen. Jahrelang hatte er der deutschen Nationalelf beim Bolzen zuschauen müssen, bis Mannschaftskapitän Fritz Walter ihn endlich bat: "Adi, mach uns mal ein Paar Schuhe, in denen man den Ball spürt."

Dassler machte. Weil er ahnte, dass Fußball vom Kampf zum Spiel werden würde, schnitt er erstmals Schuhe mit knöchelfreiem Schaft zu, mit denen die Spieler schneller laufen konnten. Weil er Fritz Walters Ballgefühl kannte, nähte er ihm eine für damalige Verhältnisse dünne Lederkappe ein, weniger als zwei Millimeter dick (die Ausputzer in der Abwehr bekamen weiterhin mehr, ebenso der wuchtige Stürmer Helmut Rahn). Und Dassler erfand den Schraubstollen, was heute nur als neuartig begreifen kann, wer noch die Vorläufer kennt: sechs angenagelte Lederstollen, die vor allem Probleme machten. Erstens mussten sie sehr aufwändig in die Sohle genagelt werden. Da ein Nagel zu wenig Halt geboten hätte, brauchte man drei Nägel, und drei Nägel brauchten eine große Fläche, weshalb ein Stollen dick wie ein Weinkorken war und kaum in die Erde eindrang. Zweitens musste ein neuer Stollen, war der alte "zerspielt", immer auf einen Teil der Sohle genagelt werden, der noch nicht durchlöchert war, was den Spieler immer aufs Neue aus der Balance brachte. Wer das verhindern wollte, spielte drittens seine Stollen quasi auf null herunter, was auch nicht von Vorteil war. Mit den Schraubstollen-Gewinden aber hatte Dassler sechs feste Positionen, er konnte die einzelnen Stollen schneller austauschen und deutlich dünner machen (so dünn, dass sie inzwischen wegen Verletzungsgefahr verboten sind. Deshalb bis heute der Prüfblick der Linienrichter bei jeder Einwechslung).

"Fritz-Walter-Wetter" heißt auch "Schraubstollen-Wetter"