Drei Jahre ist es her, dass Ulrich Khuon und Tom Stromberg in Hamburg begonnen haben. Khuon übernahm das Thalia Theater und Stromberg das Schauspielhaus. Khuon wurde als eher langweiliger Schwabe angekündigt, der aber ein Haus uneitel zu führen vermöge. Dem damals noch als Charismatiker geltenden Stromberg dagegen wehte, verstärkt von seinem telling name, der Ruf voraus, ein wandelndes Kraftwerk, ein ganz beschleunigter Denker zu sein: Manager, Theoretiker, Lebenskünstler und auch noch Freund von Scholz & Friends. Auftakt am Schauspielhaus: Bernd Moss, Ursula Doll und Catrin Striebeck in "Splatterboulevard"

Drei Jahre später stellt sich die Lage in Hamburg so dar: Khuons Thalia Theater ist von der Kritikerjury der Zeitschrift Theater heute zum Theater des Jahres gewählt worden, Khuon ist demnach der Intendant des Jahres. Stromberg indessen darf sich schon mal nach einer neuen Arbeit umsehen. Ihm hat die Hamburger Kultursenatorin Dana Horáková, von der vor drei Jahren in Hamburg allerdings noch niemand zu träumen gewagt hätte, den Vertrag nicht verlängert; sie tat es auf harsche Weise, hatte in der Theatersache aber leider Recht. Und der mittlerweile rauschend entlassene Hamburger Innensenator Ronald Schill hatte den Intendanten Stromberg gerne so behandelt wie einen Junkie vom benachbarten Hauptbahnhof: als einen, der getrost vertrieben werden darf.

Dana Horáková erkor inzwischen den Bochumer Intendanten Matthias Hartmann zum Stromberg-Nachfolger; der allerdings zog das Zürcher Schauspielhaus vor. Jetzt verhandelt die Senatorin mit Friedrich Schirmer, dem Stuttgarter Schauspieldirektor.

Wie auch immer: Hamburg beherbergt derzeit die Spitze und die graue Ebene, den König und den Bettelmann des deutschen Theaters – wenn man den Kritikern glauben mag. Der Gegensatz muss gewaltig sein, dachten wir uns, wenn man beispielsweise am Freitag den Saisonauftakt im Schauspielhaus miterleben darf und am Samstag den im Thalia Theater. Also gingen wir hin, um den Graben, den Qualitätsabgrund zwischen beiden Häusern zu begutachten.

Im Hamburger Schauspielhaus hat René Pollesch eine selbst verfasste Gesellschaftskomödie in drei Akten uraufgeführt, Titel: Splatterboulevard. Und am Thalia Theater hat Michael Talke Lessings Trauerspiel Emilia Galotti (1772) inszeniert.

Und siehe: Wir empfanden keinen Unterschied zwischen dem Theater des Jahres und der Theaterklitsche des Jahres. In beiden Häusern war ein zäher Kampf gegen die Müdigkeit zu führen, in beiden kam früh der Eindruck auf, es sei schon wahnsinnig spät. Der Abend und die Theatersaison, die doch noch gar nicht recht begonnen hatten, fühlten sich schon weit vorgerückt an.

Das lag daran, dass in beiden Theatern Regisseure verbissen an ihren Handschriften arbeiteten und darüber vergaßen, etwas zu erzählen.

Von René Pollesch hat man noch nie erwartet, dass er etwas "erzählen" würde. Er wurde ja berühmt durch eine Sprache, die allen Anschein des Narrativen und Illustrativen tilgt. Es ist eine Theatersprache, die wie Säure wirkt. Sie höhlt die Figuren aus, bis sie nur noch Resonanzkörper sind für Polleschs Wutschreie. Wo andere Dramatiker noch ihre Personen auf wimmelnde Märkte schickte, da wimmelte bei Pollesch nur noch die Sprache des Marktes. Wo andere noch den Kampf der Menschen um die Waren schilderten, da schilderte Pollesch nur noch den Sieg der Waren über die Menschen. Wo bei anderen noch Individuen Komplotte aufdeckten, da feierten bei Pollesch längst die verbündeten Systeme den Untergang der Menschen.