Tim Renner, 38, ist einer der wichtigsten deutschen Musikmanager. In Berlin geboren, ging er mit 22 Jahren zur Hamburger Plattenfirma Polydor, wo er deutsche Künstler wie Phillip Boa und Element of Crime unter Vertrag nahm, später Technomusiker wie Westbam. Seit 2001 ist er Chef des größten deuetschen Musikkonzerns Universal Music Germany. Den Firmensitz verlegte Renner kurz darauf von Hamburg nach Berlin. Von seinem Büro im achten Stockwerk eines alten Fabrikgebäudes an der Spree blickt er über die Stadt, in der sich auch sein Traum abspielt: Der Amtsantritt von Bundeskanzlerin Nena im Jahr 2010 

Mein Radiowecker macht einen merkwürdig hakenden Ton und springt an. "Ihr lieben 68er, danke für alles, ihr dürft gehen. Aber bitte ruft uns nicht an!" Der Kölner Sänger Peter Licht singt seinen Klassiker Ihr lieben 68er aus dem Jahr 2001. Ich komme allmählich zu mir. Heute ist ein großer Tag in Berlin. Ich bin eingeladen zur Inauguration von Nena – unserer neuen Bundeskanzlerin. Im Bad läuft das wasserfeste Radio und spielt Musik, die ich nicht kenne. Aufregend, ich muss mir den Namen der Band merken. Seit sechs Jahren haben wir eine Neuheiten-Quote. Die Sender sind unterscheidbar, das Business boomt, und ich kann endlich wieder Radio hören. Wenn da bloß nicht die Moderatoren mit ihren blöden Anti-68er-Gags wären. Lasst sie doch in Ruhe! Das Rumgehacke ist öde. Heute ist doch unser Tag, wir haben gewonnen – wir, die 68er qua Geburt.

Deutschland ist auf dem Weg zu einer neuen Kultur. Die glamourös ist, individuell und cool. Da rollt auch öfter mal das r. Die anglo-amerikanische Pop-Einbahnstraße liegt hinter uns. Wir haben begriffen: Nur wer Eigenes beizutragen hat, kann beim riesigen Weltkulturpuzzle mitmachen. Ohne Heimat und eigene Kultur geht das nicht. Kraftwerk war der Inbegriff deutschen Ingenieurtums in der Musik, Nena die selbstbewusste Anknüpfung an deutsche Schlager-Kultur, Rammstein das Signal einer provokanten nationalen Kultur – das war deutsch, das wurde auf Deutsch gesungen, und die Welt hörte zu. Halbstark waren wir einmal, jetzt dürfen wir etwas ruhiger sein.

Ich springe mit meiner Frau ins Taxi zum Reichstag. Wir wollen Nenas Vereidigung nicht verpassen. Sehr freundlich, dass sie mich, den Universal-Mann, eingeladen hat. Immerhin war sie früher beim Wettbewerber Warner unter Vertrag. Oder liegt es daran, dass sie mir meinen Labelmanager Neffi Temur weggeschnappt hat und ihr schlechtes Gewissen über die erfolgreiche Abwerbung besänftigen möchte? Ein smartes Signal, einen Deutschtürken zum Wirtschaftsminister zu machen. Ausdruck unserer neuen Identität: Deutschland ist Einwanderungsland. Muss es sein. Bei der demografischen Entwicklung! Wenn wir nicht als gewaltige geriatrische Anstalt enden wollen, ist Einwanderung unsere einzige Chance, die Osterweiterung unsere Hoffnung.

Der deutsch-indische Taxifahrer gibt Gas und stänkert teutonisch: "Neue deutsche Identität? Kebab mit Curry? Ick bin Berliner." Komisch, dass es früher Leute gab, die ein Problem mit der (Multikulti-)Metropole Berlin hatten und sich über Provinzhauptstädte definierten. Schließlich wird Bangalore durch Delhi auch nicht kleiner. Mein Blick streift die schicken neuen Bauten am Alexanderplatz. Endlich hat sich Berlin was getraut und dem flachen Mittelmaß am Potsdamer Platz ein glamouröses Hochhaus-Ensemble entgegengesetzt. Nur: Wann wird es endlich fertig?

In Berlin beginnt unsere kulturelle Neudefinition, beweist sich unsere geschichtliche Rolle. Hier befindet sich das Scharnier zwischen West und Ost. Berlin war Frontstadt. Berlin ist Brückenkopf. Die Metropole steht stellvertretend für all die kulturellen Brüche, die mit einer solchen Aufarbeitung einhergehen. Hier treffen die Einflüsse aus beiden Welten ungefiltert aufeinander. Berlin ist eine Handlungsanweisung. Hier haben auch kleinste kulturelle Erschütterungen eine Chance, erfasst zu werden, denn es findet sich immer eine Szene, die das Beben schon früh spürt. Ganz einfach, weil in der größten Stadt Deutschlands die meisten Menschen auf engem Raum leben. Berlin ist ein riesiger Seismograf. Erfolgreiche Künstler wissen das. Und deshalb gilt es wieder als schick, einen guten Teil des Jahres in Berlin zu sein, auch unter international angesagten Acts.

Ich stehe auf der Tribüne. Die Kameras zeigen Bilder vom Reichstag, dem Kanzleramt, dem Brandenburger Tor und Hunderttausenden von Menschen, die drum herum feiern. Auf der Bühne wechseln sich Musiker, Moderatoren, Schauspieler und Politiker ab. Harald Schmidt ist begeistert, den vierten Kanzler seiner Late-Night-Karriere zu bespötteln. Dass es diesmal eine Kanzlerin ist, freut ihn besonders. Das bietet Futter für Monate. Daniel Brühl und Jürgen Vogel überbringen Glückwünsche. Judith Hermann hält eine ergreifende Rede. Danach Stand-ups und Songs von Xavier Naidoo bis Sven Regener, von Manu Chao bis Youssou N’Dour. Neben mir steht der englische Architekt Norman Foster, der mich ständig auf kleine Details seiner Reichstagskuppel-Konstruktion hinweist. Glückwunsch, ein Brite durfte unser Allerheiligstes updaten. Das war schon vor mehr als zehn Jahren gelebtes Europa!

Pop und Politik – auch in Nenas Wahlkampf eine unschlagbare Kombination. Das Comeback des Schweißbandes, diesmal als Werbeträger: "Nena wagen". Die erste Generation ernsthaft politisierter Pop-Künstler hat sich mit der ersten Generation popsozialisierter Politiker verbunden. Glamour ist beiden Seiten nicht fremd. Im Gegenteil, er ist erwünscht in Berlin. Nur wenn sie wie Popstars agieren, können Politiker glaubhaft kommunizieren. Deshalb sind jetzt Popstars zu Politikern geworden. "Wir müssen in die Parteien und Strukturen. Wir müssen ihnen Transparenz verleihen", hieß es im Wahlprogramm der neuen Kanzlerin. "Nur wenn wir jetzt operativ werden und leben, was wir in den vergangenen Jahren in Poptexten eingefordert haben, können wir diese Gesellschaft wirklich verändern. Wir wollen die Macht und die Verantwortung. Wir sind Popstars mit Parteibuch." Die Floskeln haben sich geändert, ihr Aggregatzustand nicht. Luftblasen gehören zur symbolischen Politik nun mal dazu. Und Nena weiß, wie symbolische Politik funktioniert.