Darf ein Arbeitgeber seinen Angestellten verbieten, kurze Hosen zu tragen? Ja, sagte das Landesarbeitsgericht Hamm nach gründlicher Abwägung. Das war im Jahre 1992. Zehn Jahre später gab es einem Hersteller von Baumaterial Recht, der von einem muslimischen Arbeiter verlangte, sein Morgengebet außerhalb der Arbeitszeit zu verrichten. In diesem Fall kollidierten zwei grundrechtlich geschützte Interessen: Religionsausübung contra Berufs- und Eigentumsfreiheit (des Arbeitgebers). Was tun in solchen Fällen? Das Landesarbeitsgericht sprach vom "Ausgleich der gegenläufigen Interessen mit dem Ziel ihrer Optimierung" und kam zu dem Schluss, das dreiminütige Gebet habe den Betriebsauflauf doch allzu sehr gestört. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Denn das ist das Problem vieler juristischer Abwägungsprozesse: Sie werden in rationaler Form präsentiert, aber sie lassen sich nicht eindeutig ausrechnen.

Es hilft nichts, der Jurist muss abwägen. Dafür entwickeln er und seine Kollegen Argumentationsschemata, die miteinander in einer Art darwinistischem Wettbewerb stehen, und nach etlichen Mutationen und Selektionen entsteht die "hM", die herrschende Meinung. Bei Kollisionen zwischen den Grundrechten auf Glaubensfreiheit und wirtschaftlicher Betätigungsfreiheit fordert die hM heutzutage die "praktische Konkordanz". Sie lässt sich mit "Kinder, vertragt euch" umschreiben und ist letztlich die Forderung, einen für alle Seiten vertretbaren Kompromiss zu finden. Mithilfe der "praktischen Konkordanz" befand das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) beispielsweise vor Wochen, dass ein Arbeitgeber seinen islamischen Verkäuferinnen das Tragen eines Kopftuches nicht untersagen kann, wenn er nicht konkret darlegt, dass diese Sitte zu betrieblichen Störungen oder wirtschaftlichen Nachteilen führt. Dass das BVerfG hier überhaupt ein Wort mitzureden hatte, liegt daran, dass das Privatrecht stets im Sinne des Grundgesetzes ausgelegt werden muss (diesen Grundsatz hat, wen wundert es, das BVerfG selbst ersonnen).

Zur vollen Blüte gedeiht die Rechtsfigur der praktischen Konkordanz allerdings im öffentlichen Recht. Kruzifix im Amtsraum? Im Landtagssaal, im Klassenzimmer? Erst einmal mit praktischer Konkordanz versuchen. Manchmal schießen Gerichte, die eine pragmatische Lösung suchen, freilich über ihr Ziel hinaus, wie das Beispiel des Oberverwaltungsgerichts Münster zeigt, dessen Beschluss vom 17. Januar 2002 erst kürzlich in der Neuen Juristischen Wochenschrift abgedruckt wurde. Eine muslimische Schülerin wollte (sollte?) nicht an einer Klassenfahrt teilnehmen. Sie machte geltend, dies nur in Begleitung eines nahen männlichen Verwandten tun zu können. Infrage kam ihr Bruder, der aber weigerte sich, mitzufahren. Folglich stellte das Mädchen den Antrag, den Schulleiter per einstweiliger Anordnung zu verpflichten, sie von der Teilnahme an der Fahrt zu befreien.

Und nun? Ein Kompromiss zwischen den geschützten Religionsgrundrechten und dem staatlichen Erziehungsauftrag, meinte das Oberverwaltungsgericht, ließe sich kaum herstellen – es galt entweder – oder. Da griff das Gericht in den Zauberhut, und heraus kam, dass die Schülerin "begründet verhindert ist, an der Klassenfahrt teilzunehmen", es einer ausdrücklichen Befreiung also gar nicht mehr bedürfe. Das Mädchen sei nämlich allzu sehr mitgenommen durch den Konflikt: "Diese durch Zwänge und Ängste gekennzeichnete Situation bei der Klassenfahrt ist der bereits Krankheitswert besitzenden Situation einer partiell psychisch Behinderten vergleichbar, die behinderungsbedingt nur mit einer Begleitperson reisen kann."

Eine salomonische Lösung? Eher eine küchenpsychologische, und noch dazu eine, die den religiösen Gewissenskonflikt psychiatrisiert. Man kann es also auch zu weit treiben mit dem Pragmatismus, der "praktischen Konkordanz" und überhaupt mit der Neigung, Grundsatzkonflikten aus dem Weg zu gehen.