Die erstaunliche Bitterkeit des Streits um ein "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin speist sich aus zwei Unterstellungen. Die Gegner des Projekts befürchten eine Relativierung der deutschen Schuld. Die Befürworter sehen sich im Kampf um eine jahrzehntelang vorenthaltene Anerkennung. Es gehe darum – so kann man es auf der Website des Zentrums lesen–, "den deutschen Vertriebenen jenes Maß an Mitgefühl zu signalisieren, das ihnen in den letzten Jahrzehnten weitgehend verweigert wurde". In ihrer verbissenen Fixierung auf das Berliner Projekt erwecken beide Seiten den Eindruck, es gehe hier um einen Durchbruch – nur dass die einen verhindern wollen, was die anderen anstreben.

Der Durchbruch aber hat schon lange stattgefunden. Der Bund fördert die Kultur der Vertriebenen seit langem mit erheblichen Mitteln. Wer sich die Mühe macht, die blühende Landschaft der staatlich subventionierten Kulturinstitutionen der Vertriebenen zu erkunden, dem wird es schwer fallen, die Rede von einer jahrzehntelangen Verweigerung ernst zu nehmen. Über 18 Millionen Euro jährlich aus Bundeskulturmitteln sind jedenfalls kaum als Geste der Missachtung zu verstehen. Die Vertriebenenkultur schlägt im Budget der Staatsministerin für Kultur höher zu Buche als etwa die gesamte Bundesfilmförderung.

Es ist höchst merkwürdig, dass die bestehenden Einrichtungen der Vertriebenenkultur in der Debatte um das neu zu errichtende Zentrum keine Rolle spielen. Denn wer ein Zentrum plant, muss doch wohl das längst bestehende landesweite institutionelle Netzwerk berücksichtigen.

Warum also spielen die vorhandenen Einrichtungen in der Debatte keine Rolle? Erstens, weil sie beim allgemeinen Publikum kaum bekannt sind. Zweitens, so darf man vermuten, weil ein genauer Blick auf diese Institutionen dem großen Zentralprojekt den Glanz einer Pioniertat nehmen würde. Am Rande einer Kabinettssitzung mit dem Ausmaß der Vertriebenenförderung konfrontiert, meinte Innenminister Otto Schily, der engagierteste Befürworter des Zentrums im Bundeskabinett: "Warum sagt mir das keiner?"

Die Förderung der Vertriebenenkultur durch den Bund ist kein Gnadenakt. Der Paragraf 96 des Bundesvertriebenengesetzes verpflichtet die Bundesregierung, "das Kulturgut der Vertreibungsgebiete in dem Bewusstsein der Vertriebenen und Flüchtlinge, des gesamten deutschen Volkes und des Auslandes zu erhalten". Gemäß diesem Paragrafen unterstützt der Bund Museen, Kulturinstitute und zahlreiche Einzelprojekte, die sich um Kultur und Geschichte der Vertriebenen kümmern. Den größten Anteil machen dabei die kreuz und quer über die Republik verteilten Museen aus. Einzig die Ostdeutsche Galerie in Regensburg sammelt und präsentiert – landsmannschaftlich übergreifend – Gemälde, Grafiken und Plastiken von Künstlern aus den deutschen Ostgebieten.

Die anderen Einrichtungen spiegeln die Zusammensetzung der Flüchtlingsströme wider. Jede größere Landsmannschaft konnte ihr eigenes Museum aufbauen: Das Ostpreußische Landesmuseum findet sich in Lüneburg, das Westpreußische Landesmuseum in Münster, das Pommersche Museum in Greifswald, das Schlesische Museum in Görlitz, das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm und das Siebenbürgische Museum in Gundelsheim – immer gemäß dem Hauptansiedlungsgebiet der jeweiligen Vertriebenengruppe.

Die Entstehungsgeschichte dieser Museumsszene verrät nicht Verweigerung, sondern oft fröhliche Verschwendung von Ressourcen. Die Kohl-Regierung hat die Mittel – ursprünglich nur ein paar Millionen Mark – auf einen historischen Höchststand von über 50 Millionen Mark im Jahr 1992 anschwellen lassen. Das war, wie die Inkompetenz und Fahrlässigkeit im konkreten Zuwendungsfall zeigt, sicher auch eine Maßnahme der politischen Landschaftspflege. So wurden 30 Stellen für Kulturreferenten bei den Landsmannschaften geschaffen, deren Inhaber dann aber de facto als Geschäftsführer agierten. Die Vertriebenenverbände, denen das Geld zugute kam, waren ein verlässliches Wählerreservoir für die Union.

Da ist zum Beispiel der Fall des Oberschlesischen Landesmuseums in Ratingen. Im Juli 1998 wurde der Neubau des Museums eröffnet, zu dessen Baukosten der Bund zehn Millionen Mark beigesteuert hatte. Zwei weitere Million waren in die Ausstattung des Gebäudes investiert worden, das nun über 1400 Quadratmeter Ausstellungsfläche verfügte. Die ständigen Zuwendungen des Bundes zum Museum betrugen jährlich 1,5 Millionen Mark. In den ersten zwölf Monaten nach der Neueröffnung fanden jedoch nur 5167 Besucher den Weg nach Ratingen. Damit rangierte das Oberschlesische Landesmuseum an letzter Stelle unter den vergleichbaren Häusern. Das unpopulärste Museum hatte die höchsten Zuschüsse erhalten. Vor zwei Jahren wurde die Bundesförderung dann im Rahmen einer radikalen Revision vollständig gestrichen. Nun verfügt die Oberschlesische Landsmannschaft über ein aus Bundesmitteln runderneuertes Haus, das eigentlich niemand, außer den alten Veteranen, anschauen möchte.