Meine Leberwerte vor Reiseantritt nach Schottland: Gamma-GT okayå. Alles im grünen Bereich, sagte der Arzt. Damit könne man getrost ein paar Tage segeln beziehungsweise trinken gehen. Eine Unterscheidung, die allerdings extrem überflüssig ist. Der Segler als solcher schluckt ja gern und reichlich.

So gesehen, könnte The 2003 Classic Malts Cruise das Shangri-La aller Wassersportfreunde sein. Den Teilnehmern soll das making of malt oder Schottlands flüssige Form der Folklore näher gebracht werden. Wie nah, lässt sich denken. Navigiert wird nicht wie sonst beim Segeln nach Leuchttürmen, Kaps, Seezeichen und Untiefen, sondern zwischen den Destillen. Als Wegepunkte werden keine Koordinaten im GPS (General Positioning System) programmiert, sondern die verschiedenen Malt-Sorten: Oban – der Rauchmilde, Lagavulin – der Meeresrobuste aus Islay, Talisker – der Torfkräftige von der Isle of Skye.

Und weil es um Whisky geht, ist es nur konsequent, dass vom Pilger ein bisschen Bereitschaft zur Selbstgeißelung vorausgesetzt wird. Denn mit dem Segeln (und Trinken) ist es so eine Sache. Beispielsweise wird in Yachtbesitzerkreisen gern gestöhnt: Segeln auf der Nordsee sei wie unter einer kalten Dusche zu stehen und große Geldscheine zu zerreißen. Wie, fragt man sich zu Recht, wird dann erst ein Törn zwischen den Hebriden, den Inseln am Rande des Meeres? Gibt es dort wirklich Sonne satt nur in Flaschen, wie George Bernard Shaw es formuliert hat (übrigens lange bevor man wusste, dass auch zu viel Sonne schädlich ist)?

Eine ungefähre Ahnung mit Tendenz zur Demut bekommt man, wenn man im Programmheft den Absatz Safety first durchliest. Die Veranstalter empfehlen, das komplette Ölzeug, sprich Büßergewand, einzupacken: Jacke und Hose, Handschuhe, Thermounterwäsche, Faserpelz, Gummistiefel und Pflaster gegen Seekrankheit. Die Badehose wird dagegen bloß als "optional" gelistet. Ähnlich suspekt: Von Aspirin steht da gar nichts.

Ankunft in Schottland, in Oban, Western Highlands, dem touristischen Zentrum der Westküste. Die größte Sehenswürdigkeit ist McCaig’s Tower, eine unvollendete Kolosseum-Kopie, die ein Bankier als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme erbauen ließ – eigentlich aber zu Ehren seiner Familie. Camper wie Segler stoppen hier, nehmen Proviant auf und schunkeln abends am Tresen des Oban Inn mit. Am nächsten Morgen nimmt man dann eine Fähre und setzt zu den inneren und äußeren Hebriden über. Es sei denn, man ist verwegen genug und segelt selbst dorthin.

Ich schlendere samt Seesack Richtung Hafen. Schon von Ferne ist der dicke Holzmast zu sehen, der weit über die Kaimauer ragt. Am Fuße des Mastes liegt die Eda Frandsen , ein Schiff wie aus alten Whiskyfässern gemacht. Käpt’n Jamie, selbst stabil gebaut – halb Mensch, halb Boje –, heißt seine Mitmatrosen willkommen. Stolz erzählt er, wie er den ehemaligen Haikutter zum Traditionssegler umgebaut hat. Wo früher Frischfisch gelagert wurde, herrscht heute gediegene Pub-Atmosphäre. Und wahrscheinlich, sagt Jamie, sind auch genauso viele Flaschen an Bord. Vorerst sieht man nur das Obst, das systematisch im Salon in Netzen unter den Decksplanken hängt: Links, sprich backbord, die roten Äpfel, steuerbord, sprich: rechts, giftgrün, der Granny Smith.

Ich teile mir das Vorschiff mit Mitmatrose Detels und Doug (von Douglas), unserem sehr netten und sehr kompetenten Whisky- und Wohlfühlexperten an Bord. Er wird uns in den nächsten Tagen alles über Single Malts beibringen, vor allem wie man es schafft, dass die Gläser nie leer werden. Sein erster Merksatz lautet deshalb: "Erstens, trink niemals Whisky ohne Wasser, und zweitens, trink niemals Wasser ohne Whisky." Und ob wir überhaupt wüssten, dass Whisky vom gälischen uisge beatha abstamme, was Lebenswasser heißt. Und wie gesund der Malt sei. Für und gegen alles. Und darauf, schlägt Doug vor, sollten wir endlich einen nehmen.

108 Yachten und Crews aus Schottland, England, Schweden, Belgien, Dänemark, Holland, den USA und drei deutsche Mannschaften haben sich in Oban eingefunden. Bei unserem ersten Destillenbesuch bekommen alle Teilnehmer einen 14-jährigen Willkommenswhisky. Es können aber auch schnell zwei oder drei werden. Wie gesagt, der Segler: Tradition und Aberglaube verlangen, dass der erste Schluck vor Antritt jeder Seereise immer Rasmus gebührt, dem windigen Gott der Meere. Man kippt Rum, Portwein oder zur Not einen Schuss Bier ins Meer und murmelt: "Rasmus, altes Rübenschwein, schenk uns Wind und Sonnenschein." Aber 14 Jahre alten Malt kippt natürlich niemand ins Meer. Dieser teure Tropfen wird dem Meeresgott, wenn überhaupt, nur auf Umwegen und mittels Stoffwechsel kredenzt.