Kamil al-Gailani, in der von den Amerikanern ernannten Übergangsregierung des Iraks für die Finanzen zuständig, ist bei seinen Forderungen großzügig. Etwa 70 bis 75 Milliarden US-Dollar müssten die wohlhabenden Länder bei der Geberkonferenz Ende Oktober in Madrid schon als Wiederaufbauhilfe für den Irak zusagen, vielleicht aber auch nur 65 Milliarden – "je nachdem, wie die Verhandlungen laufen".

Der Iraker machte als Bittsteller auf der Tagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank in Dubai die Runde. Allerdings beurteilen die Amerikaner den Finanzbedarf des Iraks ganz ähnlich wie er. Auf 50 bis 75 Milliarden Dollar schätzte US-Finanzstaatssekretär John Taylor die notwendige Hilfe innerhalb der nächsten drei Jahre. Und sein Chef, Finanzminister John Snow, machte Druck auf die potenziellen Finanziers: Der Irak müsse "so bald wie möglich" eine kräftige Geldspritze bekommen.

Doch wann und wie viel tatsächlich fließen wird, ist noch völlig offen. Die Weltbank hat zwar bereits detaillierte Studien angefertigt, wie das Land saniert werden kann. Eine Rechnung, welche Summen dafür gebraucht werden, konnte sie bislang aber noch nicht präsentieren.

Die "alten" Europäer, die Gegner des Irak-Kriegs, gaben sich in Dubai – von bescheidenen Beträgen für kurzfristige Nothilfe abgesehen – wenig zahlungswillig. "Wo sollen die gigantischen Summen denn herkommen?", kommentierte ein europäischer Spitzenbeamter die irakischen Forderungen. Zudem hegen Deutsche und Franzosen den Verdacht, dass sie zwar zur Kasse gebeten werden sollen, aber bei Aufträgen an Unternehmen leer ausgehen.

In ihrem Misstrauen wurden sie vom Gastgeber der Weltbank- und IWF-Tagung bestärkt. So schilderte der Kronprinz von Dubai, Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktoum, dessen Regierung selbst an Irak-Aufträgen interessiert ist, Besuchern bereits eine ganzen Serie von Fällen, in denen amerikanische Unternehmen bevorzugt worden seien. So bot ein Iraker angeblich die Reparatur einer zerstörten Brücke für 350000 Dollar an, den Auftrag habe aber ein US-Unternehmen bekommen, das – so der Scheich – mehrere Millionen dafür kassiert. Und selbst Schulbücher werden nicht im Irak gedruckt, sondern in Amerika.

Auch ein Schuldenerlass zugunsten des von Krieg, Sanktionen und Saddam Husseins Miss-wirtschaft ausgezehrten Landes ist unter den Gläubigern umstritten. Insgesamt steht Bagdad allein bei ausländischen Staaten mit über 21 Milliarden Dollar in der Kreide. Mit Verzugszinsen verdoppelt sich die Summe sogar.

Vor allem der russische Finanzminister Alexej Kudrin will nicht verzichten – Russland ist mit Forderungen von 3,5 Milliarden Dollar an den Irak immerhin der zweitgrößte staatliche Gläubiger. Aber auch Kudrins deutscher Kollege Hans Eichel hält nichts davon. "Wegen der größeren mittelfristigen Einnahmemöglichkeiten" des Iraks aus Ölexporten, schrieben Eichels Beamte in einem Vermerk, sollte ein Erlass "nicht in Betracht gezogen werden". Mit dem im Juli beschlossenen informellen Moratorium, demzufolge Gläubiger fällige Zahlungen bis Ende 2004 stunden, habe der Irak erst einmal "den notwendigen Spielraum erhalten".

Doch dem Iraker al-Galiani, der gerade versucht, ein Budget für 2004 zu entwerfen, hilft das nur wenig. Die laufenden Ausgaben, vermuten Finanzexperten der Vereinten Nationen, betragen etwa 13 Milliarden Dollar, dringende Wiederaufbauarbeiten werden nach grober Schätzung mit zusätzlich 16 bis 20 Milliarden Dollar veranschlagt. Auf der Einnahmeseite stehen jedoch nur 21 Milliarden Dollar aus Ölverkäufen, dem Oil-for-Food-Programm der Vereinten Nationen und den bisher eingefrorenen irakischen Auslandsguthaben zur Verfügung. Das heißt, es bleibt eine Lücke von bis zu zwölf Milliarden. Der provisorische Finanzminister kann also wirklich nur auf die Großzügigkeit der Geber hoffen.