Eine Gestalt haben die Intellektuellen in schöner Einmütigkeit verachtet: den Bildungsbürger. Der Bildungsbürger hatte ein Konzert-, ein Opern- und ein Theaterabonnement, er besuchte Museen und Ausstellungen, er schickte seine Kinder aufs humanistische Gymasium, lebte im Alltag zwar fern von den Weihen der höheren Kultur, suchte sie aber in seinen Mußestunden auf und fand Kultur wichtig. Und folglich war auch das Feuilleton wichtig. Dort war man Zaungast bei den faszinierenden Unterhaltungen jener Geister, die sich hauptamtlich und als Spezialisten mit der Kultur befassten, und staunte oft bei der Lektüre, "was so ein Mann, nicht alles, alles denken kann".

Es zählt zu den eisernen Gesetzen der Weltgeschichte, die niemand jemals verändern wird, dass Kultur von denen bezahlt werden muss, die nichts von ihr haben. Dort, wo die, die von der Kultur nichts haben, sich erfolgreich weigern, die Kultur zu bezahlen, gibt es die Kultur nicht mehr. Bei dem Vorhaben, diejenigen, die von der Kultur nichts haben, dazu zu bringen, weiterhin die Kultur zu bezahlen, waren nach dem Ende der Monarchie die Bildungsbürger ein unentbehrliches Bindeglied. Und jetzt sehen wir verstört dem Augenblick entgegen, in dem es den verachteten Bildungsbürger nicht mehr geben wird. Die wohlhabenden Leute in Deutschland sind soeben dabei, das letzte Korsett, das sie lange noch getragen haben, abzulegen. Sie befreien sich von dem Druck, so tun zu müssen, als interessierten sie sich für die Kultur.

Nur Marktwirtschaftler glauben, Kultur könne sich selbst finanzieren Die Gymnasien trainieren den Schülern das Interesse an der Literatur ab - zur Kritik an der Universität muss nicht eigens ausgeholt werden. Die großen Pfeiler der Kultur, um die das Feuilleton frech oder besinnlich herumtanzen konnte, sind eingestürzt. In dieser Lage gibt es reichlich Ratgeber, die den Zeitungen nahe bringen wollen, den Stil ihrer Feuilletons zu ändern, und viele Zeitungen sind auch dabei, diesem Rat zu folgen: nämlich "benutzerfreundlicher" zu werden, vom hohen Ross der Kultur herunterzusteigen, den Leser "dort abzuholen, wo er steht", tief unten mithin, und Service-Teile einzurichten und kleinteilige Lockerheit einzuführen. Um eine die Grenzen des Appetitlichen verletztende Erfahrung aus der Medizin hier einzuflechten: Wenn die Lockerung zu weit getrieben wird, kommt Durchfall dabei heraus. Das ist zum Teil auch schon eingetreten - die Lockerung, um bei dem zweideutigen Terminus zu bleiben, führt in die Selbstabschaffung des Feuilletons.

Ich möchte deshalb einen zweiten Weg, den man nach Prousts Romanheld die Swannsche Lösung nennen könnte, propagieren. Swann denkt darüber nach, dass man jeden Tag die Gesellschaftsnachrichten in der Zeitung verschlingt, während der ledergebundene Pascal unberührt im Bücherregal steht. Es müsste eigentlich umgekehrt sein, findet er: In der Zeitung müsste man täglich die Pensées Pascals lesen, während die Gesellschaftsnachrichten, in Leder gebunden, die Neugier abweisend, im Regal zu stehen hätten. Die Swannsche Lösung hieße: das Niveau nicht senken, sondern deutlich anheben. Das Feuilleton könnte den wahnwitzigen Versuch unternehmen, die zusammengebrochenen Kulturinstitutionen, die es früher kommentierte, zu ersetzen, oder wenn nicht zu ersetzen, so doch die Erinnerung an eine schmerzhafte Lücke wach zu halten. Das wäre die Entfeuilletonisierung des Feuilletons. Die Zeiten sind ernst, das Feuilleton wird noch ernster. Das Getänzel hört auf, das Locken-auf-der-Glatze-Drehen, eine durchaus anmutige Beschäftigung, wird auf bessere Zeiten verschoben. Jetzt ist die Zeit, Autorität zurückzugewinnen: Schafft zwei, drei, viele Päpste! Im Ästhetischen lohnt es sich, alles auf eine Karte zu setzen. Wenn untergegangen werden muss, dann mit allen gesetzten Segeln und in voller Fahrt.

Das ökonomische Argument: Das Feuilleton ist zu teuer und bringt zu wenig Geld in die Kasse. Wenn Redakteure dieses beklagenswerte Faktum erwähnen, steht Schuldbewusstsein auf ihrem Gesicht. Zu fragen wäre da: Was hat man erwartet? Es gibt nicht eine einzige Zeitung, noch hat es sie gegeben, die die Mehrheit ihrer Leser wegen des Feuilletons kauft. Man kauft eine Zeitung wegen ihres Wirtschafts- oder ihres Sportteils, wegen der Politik oder des Lokalen, aber ganz zuletzt wegen des Feuilletons. Wenn heute Feuilletonredakteuren beleidigt vorgerechnet wird, dass sie zu viel Geld kosten, wird geflissentlich vergessen, dass sie immer zu viel Geld gekostet haben, jedenfalls deutlich mehr, als sie einbrachten. Ein Feuilleton ist eine Einrichtung, die Ansehen bringt, und ökonomische Schlauberger werden Ansehen auch irgendwie in Gewinn umzurechnen vermögen, was ich ihnen hiermit überlasse - entscheidend bleibt, dass das Feuilleton ein Luxus ist, als Luxus verstanden werden muss und seine Autorität daher bezieht, dass es als Luxus auftritt.

Besessene Marktwirtschaftler schwärmen von Theatern, Universitäten und Bibliotheken, die sich ohne Zuschüsse "tragen" - man kennt die wilden Fantasien, die das Abzeichen der ökonomischen Mentalität sind. Der einzelne künstlerische Großverdiener ändert nichts daran, dass Kultur im Ganzen ein Zuschussgeschäft ist. Wer ein anspruchsvolles Feuilleton herausgibt, sollte Steuervergünstigungen erhalten, wie ein Filmproduzent für einen Film mit Prädikat. Für jede Regierung müsste es verführerisch sein, sich mittels Subvention in der Hoffnung zu wiegen, das Feuilleton beeinflussen zu können, und für jede Redaktion wäre es ein Fest, solchen Einfluss zu unterlaufen.

Spaß beiseite: Ein dünnes Feuilleton muss kein einflussloses Feuilleton sein.